Mee(h)r im Herzen
Maaamaaa

Bei dir, bei mir, bei uns…

Heut früh waren wir spazieren und es kam uns auf dem Golfgelände beim Hofgut um die Ecke ein Mann entgegen. Ben – wie er eben ist – schmettert ihm ein fröhliches „Hallo Mann“ entgegen. Der Herr schaut ihn an, schaut mich an, brummelt irgendwas in MEINE Richtung und geht weiter. Wie man ein Kind ignorieren kann, das einem von sich aus eine fröhliche Begrüßung schenkt, geht mir NICHT IN DEN KOPF. Ist er es denn noch nicht wert, von einem Erwachsenen begrüßt zu werden? Hat Höflichkeit ein Mindestalter? Ich würde mich nicht aufregen, wenn es nicht schon ein, zwei, paar Mal öfter vorgekommen wäre. Ich begann darüber nachzudenken, ob Respekt denn nun etwas ist, dass man sich erst im Laufe der Jahre erarbeiten muss und befand, dass doch gerade Kinder unsere Wertschätzung und Höflichkeit verdient haben. Wie schon mehrfach festgestellt, denke ich nämlich – und damit bin ich ja zum Glück nicht allein – das Kinder die einzig wirklich guten Menschen auf dieser Welt sind, auf jeden Fall aber die besseren. “Es war doch nur ein paar Mal, muss man da gleich von fehlendem Respekt reden?”. Ja, ich denke schon. Denn nun stellen wir uns mal vor, man würde so denken. “Irgendwer wird das Kind schon ausreichend gleichwertig behandeln, dass muss ich ja nun nicht machen!” Überspitzt könnte ich nun also sagen, wenn nun jeder so denkt, wer behandelt mein Kind dann noch respektvoll, außer mir und was soll er von solch einem Verhalten lernen? Es ist doch so: wenn wir erwachsen sind scheint es eines der größten #lifegoals überhaupt zu sein, sich selbst zu finden. Da fragt man sich ja schon – ist das immer so? Soll das so? Gehört das zum Leben dazu? Oder ist es nicht vielmehr Etwas, das wir einmal besessen haben und das im Laufe der Zeit verloren ging. Wodurch? Durch das was wir erlebten. Durch das, was wir machen mussten, was wir nicht durften. Durch Menschen die schlecht zu uns waren und Menschen die es vielleicht zu gut mit uns meinten; und vielleicht durch Menschen, die uns eine Gleichbehandlung und Wertschätzung verwehrt haben.

Man muss sich doch ein Kind nur anschauen. Es ist immer bei sich. Es kommt auf die Welt und ist perfekt! Im Körper und – und das ist das Wichtigste – im Geist! Es muss sich nicht erst finden. Es weiß, was es ist und was nicht, was es will und was nicht, was es braucht und was nicht; selbst wenn es nur für den Moment ist. Zu einem Erwachsenen werden, der dies verloren hat und der nicht weiß wer er ist, tut es das nur wenn ihm nicht zugehört wird. Wenn ihm Dinge nicht gegeben werden, die wichtig sind. Und damit meine ich keine materiellen Dinge. Sondern Kindern zuhören, auch wenn wir sie vielleicht noch nicht verstehen. Hinsehen, auch wenn sie uns noch nicht richtig zeigen können, was sie meinen. Lösungen suchen, auch wenn sie selbst nicht genau wissen, wo eigentlich das Problem liegt. Festhalten, wenn sie das Gefühl haben zu fallen, auch wenn es für uns augenscheinlich keinen Sinn ergibt. „Hallo“ sagen, wenn ein Kind einen begrüßt und immer zurück lächeln. Ich habe einmal irgendwo gelesen man soll ein Kind immer anlächeln, weil es sonst den Glauben daran verliert, dass die Welt ein guter Ort ist. Nun ja, ob die Welt ein guter Ort ist, das kann man sehen wie man will. Aber sie wäre es vielleicht, wären wir alle mehr angelächelt worden. Viele wären vielleicht nicht so unglücklich, boshaft, neidisch oder verzweifelt.

Ein Kind ernst zu nehmen und es gleichwertig zu behandeln, ist die wichtigste Investition in unser aller Zukunft. Es ist traurig, dass es überhaupt erwähnt werden muss. Aber nur, weil jemand körperlich noch nicht „ausgereift“ ist heißt es doch nicht, dass er das im Inneren nicht ist. Auf jeder Entwicklungsstufe eines Kindes sind Körper und Geist in perfekter Balance und sind sie das einmal nicht, gleichen sie das innerhalb kurzer Zeit (nämlich in der berüchtigten Phase) wieder aus. Kinder lieben in dem vollen Umfang der ihnen möglich ist und da ist es eben der Weltuntergang, wenn Mama zur Arbeit muss oder Papa sagt, „Wenn du nicht hörst, gehe ich weg“. Sie sind wütend, so wie es für ihr Verständnis angemessen erscheint und… habt ihr schon mal ein Kind erlebt, dass nach einem überstandenen Wutanfall noch etwas davon über längere Zeit mit sich herumschleppt? Nein? Ich auch nicht! Sie sind traurig und zwar komplett analog zu dem was sie fühlen. Sie übertreiben nie, sie wollen nichts Böses, sie erpressen nicht und manipulieren nicht. Denn in ihrer Welt, in ihrem ausgeglichenen Sein, ergibt alles immer und zu jeder Zeit vollkommenen Sinn. Die guten Gefühle und die schlechten. Nichts davon ist Willkür. Und dann kommen wir, völlig aus der Balance geratenen Erwachsenen und versuchen IHNEN, die doch nur in perfekter Harmonie mit sich selbst handeln zu erzählen, was sie zu tun und zu lassen haben und was sie fühlen dürfen und was nicht. Also – lassen wir sie doch lieb haben, knuddeln und knutschen wann sie wollen und wen sie wollen und nicht, weil wir finden „Tante Erna muss jetzt mal einen Kuss haben, stell dich nicht so an“. Respekt, von Anfang an. Lassen wir sie wüten, wenn ihnen danach ist und es ihnen hilft, über etwas hinweg zu kommen. Lassen wir sie zornig sein, wenn sie es fühlen, laut lachen und schreien, wenn sie das Leben in sich spüren und ihr Glück irgendwo hin muss. Lasst uns doch einfach da sein und diesen perfekten Kreislauf bewundern. Lassen wir sie bei sich bleiben, damit sie später nicht los ziehen und sich mühsam wiederfinden müssen und dann vor lauter Selbstzentriertheit vergessen, einem kleinen Kind eine Begrüßung zu schenken.

 

Edit: Ich will hier nicht die Harmonie-Muddi raushängen lassen, das solltet ihr wissen. Mein Kind treibt mich genauso in den Wahnsinn, stellt meine Geduld und meine Nerven genauso auf die Probe, wie eure es vermutlich tun. Er strengt mich auch an und fordert mich. Aber das ist am Ende ja mein Problem und nicht seines.

3 Comments

  • Reply
    MissSunshine
    16. August 2017 at 17:43

    Also … mal von dem mangelnden Respekt ganz abgesehen kann ich es einfach nicht verstehen, warum man einem fröhlich grüßenden Kind nicht zumindest ein Lächeln und ein “Hallo” erwidert. Wie viel negative Energie muss ein Mensch in sich haben um bei einem lächelnden Blondschopf nicht zumindest selbst schmunzeln zu müssen? Ich bin wirklich kein erklärter Kinderfan, der all und jeden unter 1 m Körpergröße automatisch toll findet. Aber ich HÄTTE zurückgelächelt und mir eine lustige Antwort einfallen lassen. Wahrscheinlich hätte der Typ sich aber auch beschwert, wenn Dein kleiner NICHT gegrüsst hätte. Ignorieren, wegatmen und immerhin kannst Du Dich doch darüber freuen dass Dein Lütter so ein freundliches Kerlchen ist 🙂

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      Verena Selck
      25. August 2017 at 16:21

      Ach je – ich antworte erst jetzt, bitte entschuldige!
      Ja, vermutlich hast du Recht und das Gegenteil wäre auch wieder nicht recht gewesen! 🙂 So sind die Menschen halt! Leider… Ja, das tue ich – das tue ich jeden Tag! Vielen Dank für deine Worte!

      Verena

  • Reply
    Friederike
    4. September 2017 at 9:43

    Ich muss mir das immer wieder ins Gedächtnis rufen: sie machen nicht, aber auch nichts aus Willkür. Unsere Kleinen. Für sie ergib das immer einen Sinn. Auch wenn wir “Großen” den manchmal, vor allem in stressigen Situationen nicht sehen.

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