Mee(h)r im Herzen
Gedanken & Geschichten

Zwei Welten ein Leben – oder, die Vergangenheit ist eine Kaffeemaschine

So viel passiert in den Jahren zwischen 20 und 30. So viele Veränderungen die größer sind als alle, die davor oder danach kommen. Und manchmal, ja manchmal kann man sie sinngemäß herunter brechen auf ein einziges Ding, ein elementares Stück Alltag. Bei mir – und das mag nicht überraschen – ist es plötzlich eine Kaffeemaschine, die mir mein Leben vorhält.

Ich wohnte in der Frankfurter City im sechsten Stock eines Sachsenhausener Altbaus. Eine Dachgeschosswohnung. Mein kleines Glück in meinem 52qm großen Luftschloss. Skylineblick aus dem Wohnzimmerfenster. Im Badezimmer musste ich mich beim Umdrehen vorsehen, nicht mir der Schulter oder dem Hintern irgendetwas herunter zu schmeißen. Der Fußboden war uneben und das schwarz weiß gemusterte Linoleum in der kleinen Küche knackte unter meinen nackten Füßen, wenn ich morgens mit verschlafenen Augen und zerzausten Haaren Richtung Kaffeemaschine schlurfte. Eine Mokka. Für etwa 3-4 Espressi. Heißes Wasser rauscht in den kleinen Kessel. Das Kaffeepulver verströmt einen dunklen, warmen Geruch aus der zerbeulten Blechdose. Den Herd angeschaltet blicke ich verträumt aus dem Küchenfenster, an dem in ein paar Kilometern Entfernung eine Boing im Himmel über Frankfurt heranschwebt. Zischen, Blubbern und schließlich heiße Luft über duftendem Espresso. Guten Morgen Welt, ich bin bereit für dich. So war es damals.

Und heute? Vollautomat in der maßgefertigten Einbauküche, teure Espressobohnen, auf den Punkt zubereitet. Draußen rattert der Traktor, die Terrassenfenster sind weit geöffnet. Die Nachbarn winken herüber, mein Kind sitzt auf dem Teppich in unserem 49qm großen Wohnzimmer und spielt mit bunten Duplosteinen. Fast so groß wie meine ganze Wohnung damals,  denke ich. Die Maschine wirft den verbrühten Espresso in die Auffangschale und signalisiert mir, dass mein Kaffee fertig ist. Es warten Job, Termine, die Familie und der alltägliche Wahnsinn. Guten Morgen Welt. Du bist eine andere als damals; aber ich liebe dich, bist du bereit für mich?

Plötzlich, ein ungewöhnliches Rattern. Knack, ratsch und ein Geräusch, das sich so gar nicht gesund anhört. An diesem Morgen, gibt die Maschine den Geist auf. Ratlosigkeit, leichte Panik meinerseits. Ruhig bleiben, rational denken. Ersatzteile werden bestellt. Das gute Stück auseinander genommen, genauestens untersucht. Die Dichtungen müssen es sein. Ausgetauscht, zusammengebaut – Rattern. Auseinander gebaut, noch mal, wieder zusammen – Knattern. Erneut auseinander gebaut – ratlose Blicke, noch mal überall rütteln. Wieder zusammen. Nichts zu machen. Der Dreh- und Angelpunkt meiner Morgenroutine streikt, lässt mich im Stich. Die Gewohnheit verpufft. Der Komfort in den ich mich gekuschelt hatte macht Urlaub. Und jetzt?

Back to Basics. Da, im hinteren Regalfach der Abstellkammer, steht sie noch. Meine Mokka. Für etwa 3-4 Espressi.
Am Morgen schlurfe ich durch meine 145 qm große Wohnung. Die eleganten cremeweißen Fliesen in meiner maßgefertigten Einbauküche machen unter meinen nackten Füßen keinerlei Geräusch. Dafür der Traktor draußen auf dem Feld, die Vögel vor der Tür. Heißes Wasser rauscht in den kleinen Kessel. Das Kaffeepulver in der zerbeulten Blechdose, verströmt einen dunklen, warmen Geruch. Den Herd angeschaltet, blicke ich verträumt aus der Küchentür in den Garten, in dem die letzten Dahlien des Jahres in voller Blüte stehen und mein Kräutergarten aus allen Nähten platzt. Ein Eichhörnchen flitzt über den Rasen und verschwindet im Ahorn. Ich grüße die Nachbarn, mein Sohn klettert auf der Couch herum. Zischen, Blubbern und schließlich heiße Luft über duftendem Espresso.
Guten Morgen Welt! Wir haben uns verändert und sind doch noch immer die Gleichen. Ich liebe dich! Damals, wie heute. Mit Vollautomat oder Mokka. Bist du bereit für einen neuen Tag?

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