Mee(h)r im Herzen
Gedanken & Geschichten

Geister

Fürchtest du dich, in der Dunkelheit? Hast du Angst vor den Schatten? Wenn du allein bist in der Nacht?

Der Himmel ist schwarz, keine Sterne sind zu sehen. Dunkle Wolken fliegen wie Schatten in der Finsternis und verschlucken jedes Licht. Deine Schritte hallen durch die Straßen. Einsam, niemand ist bei dir! Klack, klack, klack – das Geräusch deiner Absätze auf der Straße lärmt in der düsteren Stille lauter als ein Presslufthammer. So laut, dass du nichts Anderes hörst. Du beschleunigst deine Schritte, in der Hoffnung die Aufmerksamkeit, die du erregst hinter dir zu lassen. Aber jeder Schritt, der sich dem Tempo deines wild schlagenden Herzens anpasst, ist wie ein Gewehrschuss, noch meilenweit zu hören.

Du bleibst stehen – unschlüssig. Das Blut rauscht in deinen Adern. Jetzt, wo deine Füße keinen Laut mehr von sich geben, ist die Stille allmächtig. Sie um gibt dich, flüsternd, schleichend. Sie tastet sich heran und nimmt dem Raum um dir die Luft. Leise, fauchend und raschelnd, kommt sie näher, und umschlingt dich. Blasse Nebelschwaden, fahlen, gierigen Armen gleich, umfangen deine Brust. Du holst tief Luft, hoffst den festen Griff der Angst zu lockern, der dich am Boden verwurzelt. Trockenes Laub knistert im Gebüsch. Hektisch fährst du herum! Die Bäume hinter dir recken ihre nackten Äste in den dunklen Himmel, wie Skelette. Erneutes Rascheln und ein Knacken im Geäst. Was war das?

Dein Puls rast und du kannst die Geräusche um dich herum nicht mehr unterscheiden. War das nicht ein Seufzen, ein Knurren, ein raues Flüstern deines Namens? Dein Blickfeld ist unscharf, deine Augen können die Dunkelheit nicht fassen. Vor dir bewegt sich etwas in den Schatten. Unfähig zu irgendeiner Bewegung starrst du in sie hinein, versuchst etwas zu erkennen. Panik steigt in dir auf, als sie sich auf dich zubewegen. Zischend, deinen Namen knurrend, mit so viel Bosheit in der Stimme, dass dir eiskalte Schauer den Rücken hinunter laufen. Näher, immer näher. Deine schweißnassen Finger graben sich scharf in deine Handflächen, aber du nimmst die Schmerzen kaum wahr. Dann endlich, bevor sie sich erreichen und dein Atem vor Furcht stockt, kannst du dich wieder regen. Du wirbelst herum und beginnst zu rennen, als ginge es um dein Leben! Vielleicht geht es das sogar?

Schneller immer schneller rennst du. Die Schritte, deren leises Klopfen du vorhin noch fürchtetest, hämmern jetzt Trommelschlägen gleich über den kalten Asphalt. Es ist dir egal. Die Luft schneidet dir mit jeden keuchenden Atemzug messerscharf in die Kehle. Wann immer es in deinem Kopf brüllt, dass du nicht mehr kannst und stehen bleiben musst, spürst du ihren Atem in deinem Nacken, heiß und gefährlich. Ihre Stimmen kreischend in deinen Ohren. “Wir kriegen dich… Gib auf!” 

Du biegst um die Ecke und ein warmer Schimmer leuchtet dir entgegen. Noch im Laufen tastest du fahrig nach deinem Schlüssel, stolperst mit letzter Kraft zur Tür, stößt das kalte Metall mit zitternden Fingern ins Schloss und bist dir sicher, noch nie etwas Schöneres gehört zu haben, als das Einrasten des Mechanismus, als die Tür hinter dir zu fällt.

Schweißgebadet rutschst du an der Innenseite der Tür hinunter und lauschst über deinen hämmernden Herzschlag hinaus in die Nacht. Stille. Satte, dunkle Stille. Du lauschst und atmest, versuchst das Pochen deines Blutes in den Ohren zu beruhigen. Du lauschst und atmest, lauschst und atmest… Dann, eine Ewigkeit später, stehst du auf. Deine Beine, wie Gummi, schaffen es kaum, dich aufzurichten. Als du es geschafft hast, holst du tief Luft und lehnst deine brennende Stirn an die kalte Fensterscheibe.

Angst, Fantasie, Gedanken – das kann nicht wirklich gewesen sein. Du kneifst noch einmal die Augen zusammen, horchst ein letztes Mal nach draußen und beschließt, es war nur deine Einbildung. Fast möchtest du kichern, du spürst es schon in deinem Bauch kitzeln. Aber auch dafür bist du zu erschöpft. Du sinkst aufs Sofa und schaust in den Schein der Lampe auf dem Fensterbrett, die dir Hoffnung und Kraft gab. Deine Augenlider werde schwer und du möchtest nur noch schlafen. Nur ein paar Minuten.

Und in diesem kleinen Moment, als sie sich vollständig schließen spürst du es. Ein Lauern in der Ecke! Sie sind wieder da! Überall um dich herum und bevor du auch nur die Augen aufschlägst stürzen sie sich auf dich, packen dich mit all ihrer Kraft, verhöhnen dich und ziehen dich mit sich in die Schatten.

 

Denn du hast Eines vergessen. Sie sind immer da und du kannst vor ihnen niemals davon laufen. Deine Geister, deine Dämonen. Plötzlich kannst du verstehen, sie sind nicht nur da, weil es finster ist und dunkel, weil die Nacht kalt ist und einsam. Sie sind nicht da, weil sie dich nicht los lassen, an dir heften, wie böse Flüche, die du nicht abschütteln kannst. Sie sind da, weil DU es nicht schaffst, sie los zu lassen. Weil du sie mit dir trägst auf jedem Schritt, zu jeder Stunde deines Lebens. Deine Geister, deine Dämonen. Verpasste Chancen, Neid und Missgunst, unerfüllte Liebe, Lügen, Geheimnisse, verbotene Affären; nur im Kopf oder auf der Haut… All die Dinge, die falsch sind oder dich verletzen. Die du aber festklammerst, als bräuchtest du sie wie die Luft zum Atmen. Die dunklen Seiten deiner Seele, die blutigen Splitter in deinem Herzen. Du kannst ihnen niemals entkommen, versuchst du zu fliehen. Du kannst sie nicht vertreiben, aus deiner Vergangenheit oder deiner Gegenwart. Sie bleiben, egal wie schnell oder weit du läufst Lauernd in den Winkeln deiner Gedanken. Du kannst nichts weiter tun als versuchen, ihnen die Schrecken zu nehmen. Dich umdrehen, sie ansehen, verstehen, akzeptieren. Ihnen die Angst nicht zeigen, die du vor ihnen verspürst. Dann vielleicht, eines Tages finden sie Ruhe, suchen dich nicht mehr heim und geben den Fragen in dir Frieden.

Fürchtest du dich, in der Dunkelheit deines Verstandes? Hast du Angst vor den Schatten deiner Vergangenheit? Wenn du allein bist, mit dir selbst?

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1 Comment

  • Reply
    Marco
    26. November 2017 at 8:31

    Liebe FRAu von und zu Selck!

    Oder sollte ich dich eher Fitzeks Schwester nennen? Ganz schöne Schauergeschichten hier…liest sich ebenso fesselnd wie ein Roman in dunkler, regnerischer Nacht. Chapeau – in dir ist definitiv eine Buchmesseteilnehmerin verloren gegangen. Aber hey, was nicht ist, kann noch werden…reiche schon mal deine Bewerbung ein. Erfolgschancen garantiert.
    Wer kann das besser beurteilen als ich?!? 🙂

    Was gibt es sonst zu kommentieren:
    – frische Seite (der Wind der See ist zu spüren)
    – tolles Design (die Kamera ist deine beste Freundin)
    – bewegende Blogs

    Fazit: ich muss eingestehen, dass ich wohl wiederkomme.

    Hummel Hummel Mars Mars
    MD

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