Mee(h)r im Herzen
Sonntagsgeschichten

A Christmas Carol – Ouvertüre

Drei Tage. Nur noch drei Tage müsste ich diesen Spuk aushalten. Dann wäre alles vorbei. Nur noch drei Tage. Drei Tage voll mit Flitterkram in den Schaufenstern, der Heilsarmee an jeder Ecke, die sich einfach nicht zu merken schien, dass ich ihnen nichts geben würde. Dabei lief ich jeden Tag an ihnen vorbei und musste erneut den Kopf schütteln und ihre strafenden Blicke ertragen. Jeden einzelnen Tag. Vielleicht sollte ich ihnen ein Foto von mir in die Hand drücken, damit ich endlich Ruhe hätte.

Drei verdammte Tage. Dann wäre die Weihnachtszeit endlich vorbei. Wie ich sie verabscheute. Die aufgesetzte Herzlichkeit und Menschlichkeit, die doch sowieso mit dem Verklingen des letzten Jingle Bells wieder verschwinden würde. Merkten die Menschen denn nicht, wie heuchlerisch das war?

Ich hasste es zu beobachten, wie die Frau die eben noch großzügig einen 10 Euro Schein in eine verplombte Büchse steckte, im nächsten Moment die Krallen ausfuhr, damit ihr bloß niemand das letzte paar Kaschmirhandschuhe vom Angebotstisch wegschnappte, die sie ihrer Mutter oder sonst wem schenken würde, der sie vermutlich sowieso nicht benötigte. Oder der Mann, der eben noch scheinheilig dem Obdachlosen einen schönen Tag wünschte beim Umdrehen die Ellenbogen ausfuhr und die konsumgeile schiebende Masse um sich herum anpöbelte, sie sollen sich gefälligst verpissen.
Ich hasste diese Zeit. All die zuckerüberzogenen Lügen und die unter Glitzer und überflüssigen Geschenken verborgenen schlechten Charakterzüge. Als könnte ein bisschen falsches Lächeln wettmachen, dass wir uns den Rest des Jahres wie ein Arschloch benahmen.

Nur noch drei Tage… Drei Tage. Wie ein Mantra murmelte ich die Worte in meinem Kopf vor mich hin, als ich zügig den Opernplatz überquerte und auf die sauber glänzende Fassade des Wolkenkratzers zusteuerte, in dem mein Büro auf mich wartete. Drei Tage und ich hätte endlich wieder… Flatsch! Mit einem feuchten Klatschen, landete eine große Fuhre blassgrauer Schneematsch auf meinen neuen schwarzen Pumps aus feinstem italienischem Leder. Ich stieß einen derben Fluch aus und schüttelte die kalten Klumpen von meinem Fuß.

Ein weiterer Grund, warum ich diese Jahreszeit so hasste. Dieses furchtbare Wetter. Die meisten Menschen reagierten verzückt darauf, wenn der erste Graupelschauer vom Himmel kam. „Hach ist das nicht gemütlich? So verzaubert sieht die Welt aus.“ Ich konnte dem nicht weniger zustimmen und “verzaubert” war mit Sicherheit das Letzte, was mir dazu einfiel. Das Wissen, dass diese paar weißen Flocken nach mindestens drei Stunden zu einer nasskalten Pampe würden, wie sie mir gerade auf den Seidenstrümpfen klebte, konnte ich einfach nicht romantisieren. So eine Scheiße. Ergeben wandte ich den Blick in den kalten Dezemberhimmel und schloss die Augen. Konnte dieser Tag noch schlimmer werden?

Er konnte. Im Büro wartete David bereits auf mich! David Mitchell war einer der Seniorpartner der Kanzlei und mein direkter Vorgesetzter. Wir kamen gut miteinander aus, aber er verlangte viel von uns. Wie jeder Anwalt, der es zu etwas gebracht hatte, gab es für ihn weder Feiertage noch Tageszeiten und schon gar keinen Feierabend. Dazu kam, dass er Amerikaner war und darum offene Arbeitszeiten gewohnt war. Ich war ehrgeizig und hoffte, nächstes Jahr ebenfalls Partnerin zu werden, darum hatte ich die meiste Zeit kein Problem damit, härter zu arbeiten, als es normal war. Aber heute…

Der Tag hatte schon so merkwürdig begonnen. Irgendetwas war anders gewesen. Das hatte ich schon in dem Moment gespürt, als ich die Füße aus dem warmen Bett schwang und sie den glatten, kühlen Boden meines kleinen Lofts im Frankfurter Westend berührten. Der Boden schien unter mir nachzugeben und ich bildete mir ein, er hätte leicht geschwankt. Irgendwie war ich heut nicht ich selbst und hatte nur das dringende Bedürfnis, mich wieder zu verkriechen.
“Es tut mir leid Elisa -” David fuhr sich durch seine dunkelbraunen Haare und seufzte. Seine sturmgrauen Augen schauten mich entschuldigend an. Normalerweise war sein Blick fest und konnte sich ein kaltes Stahlgrau verwandeln, das vor Gericht auch den hartgesottensten Staatsanwalt unruhig werden ließ. Wenn es ihm schon leidtat, dann konnte ja was auf mich zukommen. „Ich weiß, du hast noch den Schumacher Fall an der Backe und eine Menge Papierkram! Außerdem ist bald Weihnachten…!“ Ich schnaubte und verdrehte die Augen, was David ein Lächeln entlockte. „Ich muss dich trotzdem bitten, die Akten hier so schnell wie möglich zu sichten! Susanne und Barbara kommen kaum hinterher und so kurz vor den Feiertagen scheinen sich die Menschen noch mehr in den Haaren zu liegen als sonst. Ich benötige dringend deine Unterstützung.“

Er machte eine vage Geste in Richtung des gefährlich schwankenden Stapels Papier auf meinem Schreibtisch. „Schon in Ordnung David, ich kümmere mich darum!“, sagte ich und schaffte es irgendwie, meine Stimme fröhlich klingen zu lassen.
Er nickte, drehte sich um und wandte sich zum Gehen. „Was machst du über die Feiertage? Familie? Freunde?“. Er schien aufrichtig interessiert. Das war sehr ungewöhnlich.
Ich schaute ihn an. Freunde? Das letzte Mal, das ich mit Sofie oder Annabelle verabredet war, war… Ich überlegte. War es nicht noch Sommer gewesen…? So richtig wusste ich es nicht mehr und das schlechte Gewissen überkam mich bei dem Gedanken, mich tatsächlich ein halbes Jahr nicht mehr gemeldet zu haben.

Meine Eltern waren noch mal eine ganz andere Geschichte. Hatte ich nicht das letzte Mal zu meinem Geburtstag mit ihnen gesprochen? Im Frühjahr glaube ich. Es war nicht so, dass sie sich nicht meldeten. Nein, im Gegenteil. Meine Mutter rief regelmäßig an. Da unsere Gespräche aber meistens im Streit endeten, weil sie der Meinung war, ich würde mich nicht genügend um meine Karriere bemühen, war ich dazu übergegangen, einfach nicht mehr ans Telefon zu gehen. Was dazu führte, dass meine Mailbox aus allen Nähten platzte. Vermutlich hatte sie mich auch zum Weihnachtsdinner eingeladen, dass sie und mein Vater in jedem Jahr für ihren illustren Freundeskreis aus Staatsanwälten und Verlegern, Oberärzten und CEOs verschiedener Firmen samt deren entweder „jung gebliebenen“ oder durch eine Jüngere ersetzten Frauen in ihrer Stadtvilla im Norden Hamburgs gaben. Beim Gedanken an die einschläfernden Gespräche mit den Freunden meiner Eltern oder die geistlosen Konversationen mit ihren – Damen, gepaart mit den prüfenden und meist missbilligenden Blicken meiner Mutter, lief es mir kalt den Rücken runter.

Darum musste ich nicht lang überlegen, als ich David mit Bestimmtheit antwortete „Nein, ich denke ich schließe mich mit der Gesellschaft der Akten hier und dem Bestellzettel des chinesischen Lieferservice ein und bete, dass die Feiertage möglichst schnell vorbeigehen!“ Er sah mich kurz prüfend an, dann lachte er „So kenne ich dich! Die Vormerkung für den Smith-Howard Deal, brauche ich bitte bis morgen auf meinem Schreibtisch!“. „Klar!“ sagte ich und lächelte ihm zu, als er mein Büro verließ.
Nachdem ich mir einen frischen Kaffee gebrüht hatte, machte ich mich an die erste Akte. Aber nach zehn Minuten, in denen ich ein und denselben Satz mindestens zwanzig Mal gelesen hatte, gab ich es auf. Ich konnte mich heut nicht konzentrieren. Was war nur los? Ich fuhr mir durch die Haare, drehte mich auf meinem Stuhl um und blickte auf die glitzernde Stadt. Der Himmel färbte sich schon von einem zarten Rosa zu einem kühlen blaugrau und ich hatte das Gefühl, dass die Lichter vor meinen Augen verschwammen. Das hatte einfach keinen Sinn. Ich seufzte, schnappte mir kurzerhand meinen Mantel, schrieb David eine kurze Mail, dass ich von zu Hause weiterarbeiten würde, wartete auf sein OK und verließ die Kanzlei.

Die Straßen waren noch immer voller Menschen. An jeder Ecke trötete mir ein anderer Musiker eine weitere schreckliche Version von „All I want for Christmas“ in die Ohren. Schlimm. Jedes Jahr schienen die Menschen zu vergessen, wie fürchterlich die meisten Weihnachtshits waren und quiekten fröhlich, wenn ihnen beim täglichen Einkauf das erste Mal diese furchtbaren Akkorde zu Ohren kamen. Ein paar Wochen später meldete sich dann der gute Geschmack wieder und mit einem „Nun reicht es auch!“, wurden George, Bing und die Band Aid für die nächsten 12 Monate verbannt.

Ich lief am Springbrunnen vor der Oper vorbei, umschiffte ein paar Touristen, die mit der Selfiestange eine endlose Reihe an Fotos von sich und dem wasserleeren aber beleuchteten Becken schossen und trippelte mit meinen hohen Hacken über das Kopfsteinpflaster der Fressgass. In meiner Tasche begann es zu brummen und ich blieb vor dem weihnachtlich beleuchteten Schaufenster des mehrstöckigen Buchladens stehen, um in den Tiefen meiner Handtasche danach zu graben. Leise schimpfend, schob ich Lippenstift und Portemonnaie und anderen unnötigen Krimskrams, der sich über die Zeit angesammelt hatte zur Seite und nahm mir vor, die Tasche endlich mal wieder auszumisten.

In dem Moment, in dem ich das leuchtende Display sah, auf dem Davids Name mir entgegenblinkte, beendete dieser den Anruf und ich schrie frustriert auf. Nicht mein Tag, nicht meine Jahreszeit… Nur noch drei Tage!
Ich begann eine Mail an David zu tippen. Ich würde ihn anrufen, sobald ich zu Haus war. Den Blick auf das Display gerichtet, begann etwas in mir zu kribbeln. Ich war unruhig und von einer auf die andere Sekunde hatte ich schweißnasse Hände und mein Mund war wie ausgetrocknet. Hecktisch schaute ich mich um. Etwas stimmte nicht. Ich ließ meinen Blick zwischen den tausenden Menschen umher wandern. Plötzlich blieb er an einem kleinen Kind hängen.

Ein paar Meter von mir entfernt, stand es reglos mitten auf der Straße und schaute mich aus großen Augen an. Um es herum, schien mehr Raum zu sein, als um alle anderen. Sein Blick hielt mich fest und ich ahnte den Scheinwerfer, der von rechts herangerauscht kam mehr, als dass ich ihn sah. Bevor ich richtig darüber nachdenken konnte, setzten sich meine Füße in Bewegung. Ich begann zu schreien „Weg da. Ein Auto, lauf!“ Die Menschen um mich herum, warfen mir befremdete Blicke zu und einige schüttelten mit dem Kopf. Sahen sie denn nicht, welches Unglück sich direkt vor ihren Augen abzeichnete? Warum tat niemand etwas? War ich denn die Einzige, die bei Sinnen war?

Ich lief schneller, bahnte mir mit den Armen einen Weg durch die Menge. Einer meiner Schuhe blieb im U-Bahn Schacht hängen, aus dem warme Luft strömte. Das Kind bewegte sich nicht obwohl ich ihm zurief, es solle zur Seite springen. Es stand nur da und sah mich an. Die Zeit schien langsamer zu werden und obwohl ich wusste, dass alles nur ein paar Sekunden dauerte, kam es mir vor, als wäre eine Ewigkeit vergangen, als ich im letzten Moment bei dem Kind ankam, es packte und mich mit ihm in den Armen auf den Bordstein warf. Hinter mir spürte ich den Luftzug des vorbeischießenden Autos. Haarscharf. Ich atmete durch. Der Fahrer besaß noch die Frechheit, zu hupen und mir durch die Scheibe einen Vogel zu zeigen. „Arschloch“ murmelte ich, wandte meine Aufmerksamkeit aber dem Kind zu.

„Bist du in Ordnung? Warum bist du nicht zur Seite gesprungen? Hast du das Auto nicht gesehen?“ Fast schrie ich. Das Adrenalin machte sich nun in meinem ganzen Körper bemerkbar und als ich das Kind bei den Schultern nahm, um ihm ins Gesicht zu blicken, zitterten meine Hände.
„Wo sind deine Eltern? Hast du sie verloren? Sie sollten wirklich besser auf dich achtgeben!“ Das Kind sah mich nur an. Seine Augen waren kornblumenblau und unter der dicken Wollmützen schauten ein paar einzelne goldblonde Haare hervor. Es lächelte mich sanft an, was mich auf irgendeine Art und Weise verwirrte. Auf eine Antwort wartete ich dennoch vergeblich. „Kannst du mich hören? Bist du verletzt?“, fragte ich erneut und spürte, wie leise Wut mir in den Bauch kroch. Auf die Eltern, die ein so kleines Kind mitten in der Frankfurter Innenstadt offensichtlich allein ließen. “Du solltest nicht allein sein! Wo sind deine Eltern?”, fragte ich erneut.

Das Kind hob seine kleine Hand und bedeutete mir, mich zu ihm herunter zu beugen. Zögernd beugte ich den Rücken und kam dem kleinen Gesicht ganz nah. Das Kind stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte mir leise ins Ohr: “Folge der Melodie, die du in dir trägst!” Ich war über diese, so gar nicht kindliche Aussage so verwirrt, dass ich es nur fragend anstarren konnte. Es sah mir tief in die Augen, lachte ein glockenhelles Lachen, drehte sich um und lief davon. “Warte!”, rief ich, “Was meinst du damit…?”, aber es war schon in der Menge verschwunden. Ich stand wie festgenagelt mitten auf der Zeil und kam mir vor, als wäre ich der einzige Mensch im Universum. Hatte denn außer mir niemand das Kind bemerkt? Warum war ihm sonst niemand zu Hilfe gekommen? Die ganze Situation war so merkwürdig, dass ich einfach dastand und nachdachte.

“Beweg dich mal…!” schimpfte eine Frau neben mir und holte mich in die Realität zurück “Tschuldigung!” nuschelte ich und trat zur Seite. “Pah – mitten im Weg stehen bleiben, ist ja immer die beste Idee!” blaffte sie, während sie sich weiter drängelte. Ich wollte ihr eine unfreundliche Bemerkung hinterher rufen, aber jetzt schlugen Verwirrung und Müdigkeit vollends zu und ich wollte nur noch heim. Ich schob mich zur U-Bahn durch, stieg in den vollen Zug und eine Viertelstunde später, schlug ich erleichtert meine Wohnungstür zu und rutschte an ihr herab. Was für ein Tag!

Nach einem Glas Wein, sank ich erschöpft in mein Bett und war eingeschlafen, bevor mein Kopf richtig das Kissen berührte.

Ich träumte von dem Kind. Es tanzte auf den Noten einer mir unbekannten Melodie, die ich nicht hören konnte. Es schien den Boden nicht zu berühren. Jedes Mal wenn ich versuchte, sein Gesicht zu sehen, war dies seltsam verwischt und ich konnte es nicht greifen. Ich lief ihm hinterher und rief, es solle auf mich warten. Als ich ihm endlich nah genug war, um es zu berühren, drehte es sich um und ich blickte in das Gesicht meiner Mutter. Sie sah genauso aus wie an dem bestimmten Tag, dem Tag an dem ich einen Teil von mir für immer verlor. Sie öffnete den Mund und ich wusste was sie sagen würde. Ich hörte die Worte schon, kalt und schneidend, verächtlich fast, genau wie damals. Doch bevor ihr die erste Silbe auch nur über die Lippen kam, hörte ich leise Töne, die immer lauter wurden. Sie kamen mir so bekannt vor, dass ich mich erstaunt umschaute. Meine Mutter war verschwunden und an ihrer Stelle stand wieder das Kind. Es sah mich aus den selben blauen Augen an wie zuvor und obwohl ich wusste, dass es ein Traum war, hielt mich dieser Blick gefangen. “Elisa” hörte ich seine zarte Stimme “du weißt, du weißt… Folge ihr!”

“Was meinst du?” wollte ich es erneut fragen, aber es verschwamm wieder vor meinen Augen, entfernte sich auf einer Spur aus Licht, und Tönen. Ich versuchte, sie zu hören aber es gelang mir wieder nicht. Als ich versuchte, zumindest nach ihnen zu greifen um sie nicht zu verlieren, glitten meine Finger einfach hindurch und je verzweifelter ich versuchte sie zu halten, desto unmöglicher schien es zu werden. “Was meinst du?” schrie ich nun, während das Licht blasser wurde und die Töne zu Staub zerfielen “Sag es mir… bitte!” Aber das Licht war verloschen, die Töne verblasst und ich stand allein in einem weißgrauen Nichts…

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2 Comments

  • Reply
    Viddy
    3. Dezember 2017 at 17:10

    Wow, Verena. Wundervoll. Ich bin so gespannt, wie es weitergeht und habe die Geschichte von Elisa direkt in einem Atemzug durchgelesen … Bin gespannt auf die Fortsetzung. Sehr sehr schön geschrieben.

  • Reply
    Birgit G.
    9. Dezember 2017 at 16:36

    Oh, wie mitreißend. Ich bin schon sooo gespannt, wie’s weitergeht! Danke für die schönen Leseminuten.

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