Mee(h)r im Herzen
Sonntagsgeschichten

A Christmas Carol II – Zwischentöne

“Guten Morgen Hessen! Es ist 5:45 Uhr hier sind Tanja und Tobi und die hr3 Morningshow! Und auch in diesem Jahr hofft ganz Deutschland wieder auf “White christmas”. Wir haben mit dem Wetterexperten Joachim Kachel gesprochen. Joachim, wie stehen denn 2017 die Chancen auf das sagenumwobene weiße Wunder an Heiligabend? – “Ja Tobi, wie auch in den letzten Jahren waren die Vorhersagen zunächst vielversprechend. Von einem Jahrhundertwinter wurde berichtet. Von wochenlangen Schneefällen. Aber auch 2017, scheinen sich diese erneut nicht zu bewahrheiten. Im Gegenteil. Es wird schon in den nächsten zwei Tagen das berühmte Weihnachtstauwetter einsetzen und auch die Temperaturen, die ja in den letzten Tagen zumindest um den Nullpunkt kreisten, werden schon am späten Abend wieder beginnen zu steigen. An Heiligabend vermutlich sogar in den mittleren, zweistelligen Bereich. Die Chancen auf Flocken an Heiligabend tendieren damit gegen Null!” Ja, schade – wäre ja auch zu schön gewesen! Vielleicht ja im nächsten Jahr, danke Joachim. Hier geht’s jetzt weiter mit DEM Weihnachtshit von dem Wham! vermutlich jahrelang die laufenden Kosten zahlte. Hier sind George und Andrew und “Last Christmas…”

Mein Kopf brummte, ich tastete nach dem Radiowecker und verpasste ihm einen wohlverdienten Klaps, öffnete die Augen und starrte in den noch schwarzen Morgen. Sofort dachte ich an die Ereignisse von gestern und das komische Gefühl, mit dem ich vor exakt 24 Stunden die Füße aus dem Bett geschwungen hatte. “Folge der Melodie, die du in dir trägst!” Ich schüttelte unwillig den Kopf, setzte mich auf und wollte gerade die Füße auf den Boden stellen, als ich zögerte. Was, wenn das Ganze sich wiederholte? Ich war Stress nun wirklich gewohnt aber noch so einen seltsamen Tag wie gestern? Dafür war ich in der Weihnachtszeit einfach viel zu gereizt. Meinen Mut zusammen nehmend, berührte ich vorsichtig den glattweißen Boden und hielt die Luft an. Nichts! Ich atmete erleichtert aus und stand auf. Ich schaute aus dem Fenster und streckte die Arme um den Schlaf aus meinen Gliedern zu vertreiben. In den Fenstern der Häuser um mich herum leuchteten feierlich Lichterketten um die Wette. Der sanfte Schimmer ließ die Kälte die dort draußen zweifellos herrschte irgendwie wärmer erscheinen. Wie schön das aussah, wie friedlich. Vielleicht sollte ich ja auch… Moment – was? Ich schüttelte den Kopf. Das lag an der frühen Uhrzeit und den Eindrücken von gestern. Eindeutig. Ich schaltete die Kaffeemaschine in der Küche an und sprang unter die Dusche. Das heiße Wasser weckte meine Lebensgeister und der Duft von frisch gemahlenen Kaffeebohnen ließ mich vollends wach werden. Guter Laune und mit einem Thermosbecher voll heißem Kaffee in der Hand verließ ich eine dreiviertel Stunde später mein Appartement und atmete die Stadtluft tief ein.Vielleicht hatte ich mir das alles auch nur eingebildet. Nicht das Kind. Dafür war der blaue Fleck an meiner Schulter, den ich mir beim Aufprall auf den Asphalt zugezogen hatte, zu schmerzhaft. Aber es könnte ja sein, dass ich es einfach falsch verstanden hatte? Es hatte vielleicht seine Eltern in der Menge gesehen und war darum so abrupt verschwunden. Vielleicht war ich einfach ein bisschen – überarbeitet. Das war kein Wunder, hatte ich doch in meinem Bestreben, nächstes Jahr Partner in der Kanzlei zu werden so gut wie jeden Auftrag angenommen, der sich mir bot und hier und da auch noch Kollegen ausgeholfen. Ja, das musst es sein.

Ich war an der Hauptwache angekommen und beschloss, den Tag gestern einfach abzuhaken. Ich hatte genug zu tun und wollte David auf keinen Fall hängen lassen. War ich doch eine der Wenigen, die über die Feiertage arbeiteten. Das schlechte Gefühl, das ich gestern mit mir herum schleppte begann zu verfliegen und ich freute mich regelrecht auf den Stapel Arbeit, der im Büro auf mich wartete. Ich bog um die Ecke und wollte gerade die Treppenstufen hinaufgehen, als ich den Typen von der Heilsarmee mit seiner vermaledeiten Büchse am Treppenaufgang stehen sah. Verflucht. Meine Laune hatte sich zwar merklich gebessert, aber auf den vorwurfsvollen Blick wenn ich ihn erneut abwies, konnte ich heute Morgen trotzdem verzichten. Ich drehte mich um und beschloss, um meinen Frieden willen, einen Umweg zu nehmen. Ich durchquerte die noch einigermaßen leere Bahnhofshalle, als mir plötzlich zarte Töne eines Saxophons ans Ohr klangen. So etwas hatte ich seit langer, langer Zeit nicht mehr gehört. Nicht seit… Nein, DIESEN Gedanken durfte ich nun wirklich nicht nachhängen. Ich lauschte der Melodie und versuchte auszumachen, woher sie kam. Sie war wunderschön, leicht, zart und doch so kraftvoll und mitreißend, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Sie war einfach perfekt. Ich konnte mich nicht rühren und drehte nur suchend den Kopf, während mich diese fast überirdisch entrückten Töne berührten wie es schon lange Nichts mehr getan hatte. Das ich mir das selbst einfach so eingestehen konnte, überraschte mich fast am meisten.

Ich ging ein paar Schritte und folgte der Melodie. Ich musste einfach wissen, woher sie kam. Als ich um die Ecke bog, saß dort an die Mauer gelehnt ein älterer Mann. Sein Gesicht war faltig und die Haare, die unter der abgewetzten Mütze hervor schauten, schlohweiß. Sein wunderschönes Instrument lag neben ihm und er polierte die weißgoldene Oberfläche. Seine Finger waren lang und schlank und ihre agilen Bewegungen standen in sonderbarem Kontrast zu seinem sonst so alten Aussehen. Hatte er so wundervoll gespielt? Wann war die Melodie verstummt? Hatte ich sie nicht eben noch gehört? Verwirrt räusperte ich mich.

Er hob den Kopf und sah mich aus wachen, tannengrünen Augen an die schelmisch blitzten, als sie auf meine trafen. Auch sie wirkten im Gegensatz zu seinem Alter irgendwie deplatziert jung. Sie blickten mich freundlich an als er lächelte und etwas flüsterte das klang wie “Elisa!”. Aber sicher war ich mir da nicht. Woher sollte er auch meinen Namen kennen. Ich sah ihn hier zum ersten Mal. 

“Wie bitte?” fragte ich dennoch und trat näher. “Wie? Ach nichts, nichts”, er winkte ab. “Das war wunderschön”, sagte ich “Es war perfekt!” Er legte fragend den Kopf schief und sein Lächeln vertiefte sich. Das war jedoch die einzige Erwiderung, die ich auf mein Kompliment erhielt. “Haben Sie mal professionell gespielt?” Ich wusste nicht, was ich sonst noch sagen sollte. Er saß nur da und lächelte mich an. “Na gut, dann… Ähm… Einen schönen Tag noch!” Ich wandte mich zum Gehen. “Mein ganzes Leben!” – “Wie bitte?” Ich drehte mich fragend wieder um. “Mein ganzes Leben habe ich Musik gemacht. Auch professionell, ja! Kennen Sie sich damit aus? Sind Sie auch Musikerin?” Ich trat näher. “Nein!” Ich sah an mir hinunter und musste lachen. Ich war ganz offensichtlich keine Musikerin in meinem schwarzen Kostüm und den teuren hohen Pumps. “Früher…” begann ich, aber das Wort versetzte mir einen Stich und das Lachen blieb mir im Hals stecken. Ich sah ihn an. “Nein, ich bin Anwältin!” Er lächelte nur weiter. Ich hatte nicht das Bedürfnis, über mich zu reden. Mein Blick blieb an seiner Kleindung hängen, die zwar nicht verschlissen aber dennoch irgendwie – unordentlich wirkte, an der Decke auf der er saß und vor der sein Hut lag. “Schade, dass jemand der so talentiert ist wie Sie damit nicht…!” Ich zögerte, das war nun vielleicht doch etwas unhöflich. Ich kannte den Mann schließlich gar nicht. “Über die Runden kommt wollten Sie sagen?”, vervollständigte er meine Gedanken. “Wissen Sie, ich mache das hier nicht wegen des Geldes!” antwortete er, griff nach dem Hut und setzte ihn wieder auf den Kopf. Das war mir nun beinahe peinlich. “Ich mache das aus Liebe. Zur Musik und zu meiner Frau. Und… wegen der Magie…!” fuhr er fort.

“Magie?”, fragte ich blöde. “Finden Sie nicht, dass Musik etwas Magisches ist?” er sah mich durchdringend an. “Musik kann heilen und aufwühlen. Sie untermalt unser Leben und macht aus etwas Alltäglichem etwas Besonderes. Meine Frau und ich, wir lernten uns durch die Musik kennen. Es war damals, als hätte sie uns zueinander geführt…” Er sah mich ernst an, gerade so als wollte er von mir hören, dass ich verstand wovon er da sprach.

“Ihre Frau spielt auch?”, fragte ich um ihm nicht auf seine Frage antworten zu müssen und bereute es sofort, als ich den schmerzlichen Ausdruck auf seinem Gesicht sah. “Ja, das hat sie. Viele Jahre haben wir gemeinsam gespielt. Sie war eine begnadete Cellistin! Vor zwei Jahren, ist sie gestorben…!” Ich kam mir unendlich unsensibel vor. Wie konnte ich einen fremden Menschen etwas so persönliches fragen. “Das tut mir sehr leid!” versuchte ich mich zu entschuldigen. Er sah auf und die Traurigkeit war aus seinem Gesicht verschwunden. “Das ist schon in Ordnung. Wir waren viele, viele Jahre glücklich. Wir hatten ein wunderschönes Leben. Es war einfach ihre Zeit. Ich halte mich nicht gern damit auf, zu sehr über den Verlust zu grübeln. Ich halte lieber die Erinnerungen fest. Jede Einzelne. Wenn ich an all die wundervollen Jahre denke, all das Glück, die Liebe und auch die schlechten Zeiten die wir hatten, dann vergesse ich wie traurig es mich macht und fühle Nichts als das Glück, das sie mir schenkte. Wenn ich dann spiele ist es, als wäre sie noch da. Sie sitzt neben mir und hört mir zu, wie sie es immer tat. Ich kann fühlen, dass sie neben mir steht, hören wie sie leise die Melodie mitsummt und mir irgendwann die Arme um den Hals legt! Sie war die Liebe meines Lebens, sie war meine Melodie und so lange ich spiele, werde ich sie niemals wirklich verlieren!”

Ein glückliches Lächeln hatte sich auf sein Gesicht gestohlen. Die Art wie er sprach und mir solch, eigentlich intime, Gedanken anvertraute war von einer Selbstverständlichkeit und Intensität, dass ich fühlen konnte was er sagte. Ich musste schlucken und spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. “Wir haben eine wundervolle Tochter, sie spielt im New Yorker Philharmonie Orchester. Leider ist sie Weihnachten natürlich beschäftigt und ich bin zu alt, um noch um die halbe Welt zu fliegen. Darum sehe ich sie dieses Jahr leider nicht!” Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und als er das tat, sah ich unter seinem Jackenärmel ein Tattoo hervorblitzen, direkt über dem Handrücken. Es sah aus wie ein Saxophon war aber dort, wo das Mundstück sein sollte seltsam verlängert, als wäre es geschmolzen. Er folgte meinem Blick und lachte leise. “Das hab ich mir im Proberaum meiner ersten Band machen lassen. Ich war 19. Wir waren ein Jazzquartet, ständig am spielen und waren eigentlich immer dort. Der Tätowierer war ein Freund und er kam extra zu uns. Einer der Jungs blies plötzlich so laut in die Trompete, dass Piet die Nadel verriss. Und so sah mein Saxophon aus wie ein Bild von Dali. Ich habe es so gelassen. Es war besonders und erinnerte mich immer an dieses verrückte Zeit. In der Jugend macht man eben einen Haufen Dinge, die nicht unbedingt Sinn machen. Aber die meisten davon werden zu Erinnerungen, die uns glücklicher zu machen vermögen, als aller Erfolg es könnte. Wissen Sie, was ich meine?”
Ich war so gefangen in seinen Erzählungen und von dem warmen Klang seiner Stimme, dass ich mich zu ihm herunter gebeugt hatte ohne es zu merken. Seine Frage holte mich wieder ins Hier und Jetzt zurück und als mir plötzlich ein Kribbeln durch die Füße schoss merkte ich erst, wie lang ich schon in der Haltung verharrt haben musste. Ich sah erschrocken auf die Uhr und richtete mich mit einem leisen Fluch auf. “Ich – nein, ich glaube solche Zeiten habe ich nie wirklich erlebt. Ich war immer sehr zielstrebig, für Träumereien habe ich keine Zeit, ich… Hmmmm!” warum erzählte ich ihm so was. Das ging ihn überhaupt nichts an. “Es tut mir leid, ich muss weiter, ich komme hoffnungslos zu spät!” David würde wütend sein. Er konnte Unpüktlichkeit nicht leiden.
“Warten Sie!”, hielt er mich zurück, “Darf ich Ihnen einen Rat geben?”. Ich seufzte, “Warum nicht!?”. Obwohl es wahrlich das Letzte war, was ich wollte, brachte ich es nicht über mich unhöflich zu sein, hatte er mir doch so viel von sich erzählt. “Sie scheinen eine Frau zu sein in der mehr ist, als man auf den ersten Blick erahnen kann. Sie haben ein großes Herz voller Liebe, das sehe ich in ihren Augen. Hören Sie einfach hin und wieder mal auf das, was es Ihnen sagt. Jeder von uns trägt eine Melodie in sich. Die meisten Menschen haben nur verlernt ihr zu lauschen. Das macht sie unglücklich, weil sie so nur noch auf die Zweifel und Ängste hören können, die laut sind in ihnen! Versuchen Sie es, Sie werden überrascht sein!” Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte und eine Antwort fiel mir erst recht nicht ein. Außerdem erinnerten mich seine Worte unschön an den vorherigen Tag, den ich bisher ganz erfolgreich verdrängt hatte. In Ermangelung einer anderen Antwort sah ich ihn nur an, versuchte ein Lächeln und sagte “Schöne Feiertage!”. Er zwinkerte mir zu, “Ich bin mir sicher, das werden sie!”. Und mit dieser merkwürdigen Antwort, wandte er sich wieder seinem Instrument zu. Ich entschied mich für ein unbestimmtes Nicken als Antwort, drehte mich um und ging die Stufen zum Ausgang hinauf. Ich glaubte, seinen Blick in meinem Rücken zu spüren aber als ich mich noch einmal umwandte, bevor er aus meinem Blickfeld verschwinden konnte, war er noch immer über das Saxophon gebeugt.

Kalter Nieselregen empfing mich oben auf der Straße und ich verfluchte mich dafür, heut morgen meinen Regenschirm vergessen zu haben. Ich rannte die letzten Meter zum Büro durch das unsägliche Wetter und eilte durch die Mamorhalle nach oben.
David empfing mich mit gerunzelter Stirn, sagte aber erstaunlicherweise Nichts. Ich setzte mich an den Schreibtisch und versuchte, das Gepräch mit dem alten Mann bestmöglich zur Seite zu schieben. Es gelang mir erstaunlich gut und als ich das Büro um halb zehn verließ kam es mir vor, wie eine ferne Erinnerung.

Die Straßen leuchteten. Die Lichter in den Fenstern und den Buden des Weihnachtsmarktes spiegelten sich auf dem nassen Boden. Der Regen hatte aufgehört, dafür war die Temperatur eindeutig gefallen. Sollte es nicht wärmer werden? Ach, man konnte sich auch auf Nichts verlassen. Zarter Frost überzog die am Straßenrand parkenden Autos. Es war nur ein Hauch, aber er funkelte bereits sanft. Ich kuschelte mich tiefer in meinen Schal und fand, dass die frostige Luft sich beinahe ein bisschen weihnachtlich anfühlte. Weihnachtlich? Was war das jetzt wieder? Es war mir eigentlich herzlich egal, wie das Wetter über die Feiertage war. Woher kam nun plötzlich dieses leise Kribbeln im Magen, bei dem Gedanken an eine mit Eiskritallen überzogene Stadt?
Vielleicht war es einfach Hunger, dachte ich mir. Vor lauter Arbeit hatte ich mal wieder zu wenig gegessen. Es war spät und ich war müde. Ich seufzte. Ich hatte absolut keine Lust, zu Hause noch zu kochen. Es blieben also nur der Lieferdienst oder hungrig ins Bett zu gehen. Die zweite Möglichkeit erschien mir angesichts der betörenden Düfte, die vom Weihnachtsmarkt zu mir herüber wehten, beinahe grausam. Ich blieb stehen und sah mich um. Die Menschen um mich herum unterhielten sich, lachten, schlenderten von Bude zu Bude und hatten die Hände voll glänzender Tüten mit Schleifenband. In den Augen der Kinder leuchteten die Reflektionen der tausend Lichter, die überall von den Dächer und aus den Schaufenstern blinkten. Es duftete nach Glühwein und Grillwürstchen und aus der Zuckerbude kam der betörende Geruch von frischen, gebrannten Mandeln. Mein Magen knurrte nun vernehmlich. “Was solls!?” dachte ich, lenkte meine Schritte zwischen die ersten Holzhütten und ließ die U-Bahn hinter mir.

Ich ließ mich von der Menge um mich herum dirigieren. Das erste Mal seit Jahren sah ich mich auf dem Weihnachtsmarkt bewusst um. Es war genauso, wie ich es in Erinnerung hatte. Voller Futterbuden, blinkendem Krimskrams und Glühweinständen. Seltsamerweise störte mich die Einfallslosigkeit dessen gar nicht, so wie sonst. Irgendetwas war merkwürdig dieses Jahr. Ich spürte die Wärme aus den Buden, die sich mit der frostigen Luft vermischte und die weihnachtlichen Düfte und das Gelächter, das sie mit sich trug. Ich musste ich lächeln und atmete all das tief ein. An einer Falaffelbude holte ich mir ein getoastetes Sandwich und biss hungrig hinein. Es schmeckte himmlisch und glücklich leckte ich mir die Joghurtsoße aus dem Mundwinkel. So war es schon besser.
Plötzlich lief mir jemand in die Hacken. Ich strauchelte und ließ den Rest meines Sandwiches fallen. Es landete mitten in einer Pfütze. Ärgerlich drehte ich mich um, aber wer auch immer mich angerempelt hatte, war schon wieder in der Menge verschwunden. Ich wusste wieder, warum ich diesen ganzen Zirkus für gewöhnlich mied und ärgerte mich über mich selbst. Der kurze Zauber war verflogen und ich schlug den Weg zum Bahnhof ein.
Etwas jedoch, ließ mich wehmütig zurückblicken in das bunte Treiben bevor ich die Rolltreppe hinunter fuhr. Irgendwie war ich traurig, dass dieses warme weihnachtliche Gefühl, das ich seit so vielen Jahren nicht mehr gespürt hatte, so schnell verschwunden wie gekommen war.

Als ich durch die fast leeren Straßen zu meiner Wohnung lief, dachte ich darüber nach. Vielleicht, dachte ich, lag es ja an mir. Vielleicht hatte ich mich einfach zu sehr gesperrt die letzten Jahre. War ich vielleicht sogar etwas verbittert geworden? Hatte ich Weihnachten nicht seit damals einfach keine Chance mehr gelassen?
Damals – dieser Weihnachtsabend. Ich war an meiner Wohnungstür angekommen. Es war bitterkalt. Trotzdem schaffte ich es nicht, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Ich stand nur in der eisigen Dunkelheit und erinnerte mich.
An das Feuer im Kamin, die Blicke, die auf mich gerichtet waren, nachdem ich mit ihnen gesprochen hatte. Den enttäuschten Blick meines Vaters, den kalten meiner Mutter die mich musterte, als hätte sie schon immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Der, an dem ich alle ihre Hoffnungen enttäuschen würde. Und obwohl ich wusste, dass sie es nicht böse meinten, dass sie nur so reagierten weil sie das Beste für mich wollten, war ich am Boden zerstört gewesen. Das Beste in ihren Augen war eben nicht dass, was ich mir vorgestellt hatte…
Aber das war Vergangenheit. Ich atmete tief ein und steckte den Schlüssel schließlich ins Schloss. Als ich die Tür hinter mir schloss, sah ich mich um. Im fahlen Licht der Straßenlaternen, schimmerte der weiße Boden. Die modernen und schlichten Möbel standen ordentlich und wie mit dem Winkel ausgerichtet an ihrer Stelle. Alles war sauber und aufgeräumt. Kein Wunder, ich war ja auch kaum zu Hause. Plötzlich kam mir meine Wohnung kalt vor. Zu groß, zu leer, fast unbewohnt. Ein Frösteln überkam mich und auch ein merkwürdiges Gefühl. Wehmut. Spontan beschloss ich, etwas zu verändern.

Ich legte den Mantel ab, zog mir etwas Gemütliches an und begann in der Abstellkammer zu suchen.
Irgendwo mussten sie doch noch sein, die Lichterketten, die ich vor Jahren irgendwo vergraben hatte. Gleich neben meinen Weihnachtsgefühlen. Sie waren simpel, für bunten Pomp hatte ich auch zu der Zeit nichts übrig gehabt, als ich noch Weihnachten feierte.
Nachdem mir einige Schals und eine Tüte Nudeln auf den Kopf gefallen waren, ich über diverse Berge an Krimskrams gestiegen war, fand ich ihn. Der Karton war verstaubt und leicht zerdrückt, aber ich angelte ihn schließlich hervor. Eine halbe Stunde später, schien der sanfte Schimmer warmweißer Lämpchen vom Fenster in mein Wohnzimmer. Ich zündete Kerzen an, öffnete eine Flasche Wein und stand inmitten des Raumes.

Es war schön. Als ich mich umsah und das zauberhafte Licht betrachtete in das nun alles getaucht war wurde mir klar, dass ich es vermisst hatte. Das sanfte Leuchten in der Nacht, das mich empfing wenn ich schlaftrunken ins Badezimmer oder zum Kühlschrank schlurfte.
Ein komisches Gefühl kam in mir hoch. Es wuselte in meinem Magen und kitzelte mich. Ich wollte kichern und auf den Zehenspitzen trippeln. Mein Herz wurde warm. “Hören Sie einfach hin und wieder mal auf das, was es Ihnen sagt!”. Ich musste wieder an meine Begegnung heut Morgen denken. Nachdenklich knabberte ich an meiner Lippe. Hatte der alte Mann das gemeint? Seit gestern war so viel passiert. Gestern Morgen noch, war ich so angewidert und genervt von dem ganzen Funkeln und dem Kitsch an jeder Ecke. Nun stand ich hier. Inmitten meines kerzenerleuchteten Wohnzimmers, mit geschmückten Fenstern.
Vielleicht hatte er Recht gehabt. Er? Ich hatte nicht einmal nach seinem Namen gefragt. Aber er mich schließlich auch nicht. Sein Flüstern fiel mir wieder ein “Elisa!”. Oder wusste er ihn doch? Das konnte eigentlich nicht sein, aber irgendwie… Es hatte beinahe vertraut geklungen, zärtlich. Blödsinn. Ich schüttelte energisch den Kopf. Ich war mir heut morgen nicht sicher gewesen und nun war ich es noch weniger. Ich musste es mir eingebildet haben.

Mit Einem hatte er jedoch Recht gehabt.
Ich mochte es mir kaum eingestehen, aber diese winzigen Lichter machten mich irgendwie – glücklich. Ich sollte die Weihnachtszeit unter Umständen wieder in mein Leben lassen. Und… – Wenn ich diesem Geist wieder in die Augen schauen konnte, vielleicht könnte ich… Mein Blick richtete sich unwillkürlich auf die kleine Tür in Flur.
Könnte ich auch diesem Teil meiner Vergangenheit eine Chance geben? Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich zögernd einen Schritt nach dem anderen tat. Seit Jahren hatte ich diesen Schrank nicht geöffnet. Nun war es, als würde etwas darin leise nach mir rufen. Ich streckte die Hand nach dem silbernen Griff aus. Sie zitterte leicht. Als ich das kalte Metall berührte rauschte mir das Blut in den Adern, wie ein Lied, das ich schon lange vergessen hatte. “Folge der Melodie…”, hörte ich ein Wispern und entschlossen öffnete ich die Tür zu meiner Vergangenheit.

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1 Comment

  • Reply
    kamatilimi
    10. Dezember 2017 at 11:21

    So schön, liebe Verena! Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht. Du schreibst toll! Für kurze Zeit konnte ich dieses “Weihnachtsmarktgefühl” deiner Hauptfigur regelrecht nachfühlen. Beim Namen “Elisa” musste ich kurz lachen… Zufall? 😉 LG, Katrin

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