Mee(h)r im Herzen
Sonntagsgeschichten

A Christmas Carol III – Duett

Hinter der Tür herrschte samtene Dunkelheit. Es roch nach Staub und Metall und nach fernen Erinnerungen. Ich griff in das Schwarz und fuhrt die Tapete entlang bis ich den Lichtschalter fand. Das grelle Neonlicht der kleinen Abstellkammer vertrieb die Nacht und ich blinzelte gegen die plötzliche Helligkeit. Als ich die Augen wieder öffnete und hineinsah beschlich mich Nervosität. Es fühlte sich an, als würde ich auf der Straße unverhofft einer alten Liebe begegnen. Dieser einen unglücklichen, die wir hinter uns lassen können aber niemals wirklich vergessen, weil die Gefühle zu verrückt und die Trennung zu schmerzhaft gewesen war.

Ganz allein inmitten von Spinnenweben und ein paar alten Einwurfzetteln von Lieferdiensten stand er. Der dunkelgrüne Koffer, in dem ich all meine Wünsche und Hoffnungen und – wie mir bei seinem Anblick klar wurde – auch meine Leidenschaft weggeschlossen hatte. Unschlüssig blieb ich mit klopfendem Herzen auf der Schwelle stehen und konnte mich nicht überwinden, den nächsten Schritt zu tun. Verdammt, das konnte doch nicht wahr sein. Ich hatte diesen Teil meines Lebens doch eingentlich hinter mir gelassen. Warum fiel es mir dann nicht leichter?
“Komm schon”, mahnte ich mich selbst und ging hinein. Ich strich leicht, fast schüchtern über die Oberfläche des Koffers, packte schließlich den Griff und löschte das blendende Licht, als ich ihn aus der Kammer trug. Mitten im Wohnzimmer kniete ich mich über ihn und suchte nach den silbernen Schnallen. Etwas in mir begann zu summen als ich sie hochklappte. Langsam und mit pochendem Herzen öffnete ich den Deckel, stand auf und trat einen Schritt zurück. Das flackernde Kerzenlicht tanzte warm auf dem polierten Holz des Instrumentes, das darin lag. Erinnerungen strömten auf mich ein. Erinnerungen an Glück und Harmonien, an Tage voller Musik. Mir wurde schwindelig. Ich wankte und ließ mich auf die Sofapolster zurück sinken. Sternchen begannen vor meinen Augen zu flimmern und da wurde mir klar, dass ich die Luft angehalten hatte. Ich atmete tief ein und strich mir mit der Hand über das Gesicht. Ein merkwürdiges Gefühl, nach all den Jahren plötzlich wieder allem zu begegnen, was einmal der Mittelpunkt meiner Welt gewesen war.
Aus meinen Erinnerungen wehten Töne zu mir hinüber und ich konnte nicht länger widerstehen. Meine Hände glitten über den hölzernen Körper, folgten seinen Kurven, spürten das warme Holz und die kühlen metallenen Saiten. Am Hals angelangt hob ich es vorsichtig aus dem mitternachtsblauen Samt, nahm es mit mir und setzte mich. Nach kurzem Zögern holte ich tief Luft und begann zu spielen.

Die Töne schwebten durch mein Appartement und trugen mich mit sich. Ich schloss die Augen und fühlte nichts mehr als die Saiten unter meinen Fingern und das Glück, das mit jedem Akkord durch meine Adern strömte. Wie hatte ich das jemals aufgeben können? Meine Finger bewegten sich von allein, als hätten sie nie vergessen. Ein Brennen breitete sich in meinem Bauch aus, dass bald den äußersten Winkel meines Körpers erreicht hatte. Zweifel verblassten und Gedanken schwiegen. Ich spielte, ich fühlte und ich weinte. Stumme Tränen liefen mir aus den geschlossenen Augen, über die Wangen und tropften auf meine Hände, die über die Saiten flogen. Ich wusste nicht, wie lange ich dort in meinem weihnachtlich glänzenden Wohnzimmer saß und spielte. Ich spürte den Protest meines Körpers, der diese Haltung nicht mehr gewohnt war, aber es war mir egal. Die Melodie, die mich erfasst hatte, war zu laut als das ich mich von ihr hätte abwenden können.

Schließlich musste ich doch aufgehört haben, denn ich wachte inmitten der weichen Sofakissen auf. Die Kerzen waren zum Glück herunter gebrannt, ohne meine Wohnung in Flammen aufgehen zu lassen. Wie hatte ich nur so leichtsinnig sein können? Kühles Winterlicht drang durch die bodentiefen Fenster und stach mir in die Augen. Ich setzte mich auf und fühlte mich verwirrt. Wie spät war es wohl? Mein Blick fiel auf das Instrument, das gegen mein Sofa gelehnt auf dem glatten Boden stand. Ich musste lächeln. Fast fühlte es sich an, als würde ich mich nach einer Nacht mit einem unerwarteten One-Night-Stand heimlich aus dem Bett schleichen.
Aber es nütze ja nichts ich musste wissen, wie spät es war. Ich angelte umständlich nach meinem Telefon, das auf der anderen Sofahälfte lag und erschrak, als ich aufs Display schaute. Es war viertel nach neun. 12 unbeantwortete Anrufe von David verkündeten mir anklagend, was er von meinem kleinen Sleep-In hielt. Um halb elf hatten wir eine wichtige Besprechung. Ich sprang auf und stieß mir den Zeh am Instrumentenkoffer, der geöffnet auf dem Fußboden lag. Fluchend taumelte ich mit schmerzverzerrtem Gesicht ins Badezimmer und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Ich sah fürchterlich aus. Mein Mascara von gestern klebte mir unter den Augen. Der Zopf, den ich mir gestern Abend auf den Kopf geknüddelt hatte, war komplett verrutscht und meine blonden Haare standen wirr in alle Richtungen ab. Ich gab mir zehn Minuten.

Mit einer Hand kämmte ich die Haare, während ich mit der anderen das ramponierte Make-Up bestmöglich erneuerte.
Es war der 23. Dezember. In der Kanzlei würden nicht viele Klienten auftauchen und was meine Kollegen von meinem Aufzug hielten, konnte mir einmal im Jahr auch egal sein. Ich schlüpfte in die letzte gebügelte Hose die ich noch hatte, warf mir meinen cremefarbenen Kaschmirpullover über und verließ in Mantel und ausnahmsweise flachen Schuhen kurze Zeit später die Wohnung.
In der U-Bahn hing ich meinen Gedanken nach. Ich konnte die Gefühle die ich in mir trug nur schwer einordnen. War ich letzte Nacht noch so glücklich gewesen, als ich für mich allein spielte, so mischten sich jetzt die Trauer und die Enttäuschung wegen denen ich die kleine Abstellkammer so lang nicht geöffnet hatte in die Freude über das, was ich wieder gewonnen hatte.
Als ich in der Innenstadt ankam, war ich todesmüde. Die letzte Nacht steckte mir in den Knochen. Mein Sofa war eher chic als gemütlich und mit Sicherheit für Vieles geeignet aber nicht, um darauf eine ganze Nacht zu verbringen. Ich brauchte Kaffee.
Als ich mit einem dampfenden Becher aus der Bäckerei am Bahnhof trat blieb ich kurz stehen und atmete den würzigen Duft ein. Ich war eh schon zu spät, da machten fünf Minuten keinen Unterschied.
Merkwürdig, dachte ich, solche Gedanken waren untypisch für mich. Was war bloß mit mir passiert? Alles war anders, seit ich dem Kind begegnet war. Versonnen dachte ich darüber nach, als ich nur ein paar Meter entfernt den bemützten Blondschopf ausmachte, über den ich eben in diesem Moment noch gegrübelt hatte. Konnte das sein?

Ich zögerte nur kurz, dann setzte ich mich in Bewegung und schlängelte mich durch die Leute in der Bahnhofshalle. “He, du! Warte doch… Bitte, bleib stehen!” rief ich dem Kind hinterher. Ich hatte es fast erreich, streckte meine Hand aus, um es an der Schulter zu berühren, da lief es einer Frau in die Arme. “Wo warst du Liebling? du sollst doch bei mir bleiben!”, sagte diese vorwurfsvoll und doch zärtlich und strich ihrem Sprössling erleichtert über den Kopf. Das Kind drehte sich zu mir um und ich erkannte meinen Irrtum. Es war nicht “mein” Kind. “Kann ich Ihnen helfen?”, fragte die Mutter des Kindes und mir wurde bewusst, dass ich beide anstarrte. “Ähm, nein…!”, stammelte ich und wand mich zum Gehen “Entschuldigung, ich…!” Es brummte in meiner Tasche. Der Frau noch einmal einen entschuldigenden Blick zuwerfend, wühlte ich es aus der Tasche hervor. Davids Anruf Nummer 13. Ich nahm an. “Elisa – wo zum Teufel bist du? Ich versuche seit einer Stunde, dich zu erreichen. Ist alles in Ordnung?” Davids Stimme strafte seine Besorgnis Lügen. Er war sauer. “Es tut mir leid ich… Ich habe verschlafen! Ich bin gleich da!” antwortete ich und beschleunigte meine Schritte. “Das will ich hoffen. Was ist los mit dir, dass passiert dir doch sonst nicht!”.

Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als ich um eine Ecke bog und mit Schwung gegen jemanden knallte, der offenbar die gleiche Idee gehabt hatte. Es schepperte und um mich herum rollten und klirrten Münzen. Ich war in einen Mann gerannt und hatte ihm dabei einen Becher mit Geld aus der Hand geschlagen. Er hatte sich bereits gebückt und versuchte, die Münzen wieder einzufangen. Das Telefon noch in der Hand begann ich, ihm zu helfen. “Oh Gott, das tut mir so leid!” sagte ich zerknirscht und fischte nach einem 2 EURO Stück. Aus dem Lautsprecher hörte ich Davids Stimme. “Elisa? Elisa…?” Der Mann in den ich gelaufen war, hatte seinen Blick auf den Boden gerichtet und ich konnte nur sein Profil erkennen. Er hatte eine gerade, scharf geschnittene Nase, hohe Wangenknochen und blonde Bartstoppeln bedeckten seine Wangen und sein energisches Kinn. Er schaute mich nicht an. Seine Augen, die von langen schwarzen Wimpern umrahmt waren, hatte er konzentriert zusammen gekniffen. In seinem Mundwinkel versteckte sich erstaunlicherweise ein Lächeln. Er schien nicht wütend zu sein. “Ist schon in Ordnung!”, sagte er dann auch mit warmer, tiefer Stimme ohne mich anzusehen. “Gehen Sie lieber wieder ans Telefon, da scheint Sie jemand dringend sprechen zu wollen!”. Ich hörte David ungeduldig meinen Namen wiederholen. “Ähm ja – hier, das Geld gehört noch Ihnen. Es tut mir wirklich leid!” Ich richtete mich auf, wenn ich nicht bald ins Büro kam, könnte ich mich vermutlich auf mehr als vorwurfsvolle Blicke gefasst machen. “Frohe Weihnachten!” sagte er und stand auf, um den Rest seines Geldes einzusammeln. “Gleichfalls!” antwortete ich unentschlossen, drehte mich dann schließlich doch um und eilte aus dem Bahnhof.

David empfing mich in der Kanzlei mit einem Kaffee, einem Vortrag über Pflichtbewusstsein und der Anmerkung, dass er in seiner gesamten beruflichen Laufbahn nicht ein einziges Mal zu spät gekommen war oder einen Termin verpasst hätte. “Ich mache mir ein bisschen Sorgen um dich Elisa! Seit ein paar Tagen bist du anders, so..!”, er suchte nach dem richtigen Wort, “Zerstreut!”. Ich entschuldigte mich und spürte dabei, dass ich das eigentlich gar nicht so meinte. Noch mehr – ich wurde beinahe wütend. Ich war doch nicht Eigentum der Kanzlei. Ich hatte mich bereit erklärt über die Feiertage zu arbeiten. Das konnte auch gern mal anerkannt werden. David schien jedoch besänftigt. Als er um 20.00 Uhr ging, lächelte er mich an und wünschte mir schöne Feiertage. Ich solle mich melden, wenn es Probleme geben würde. Er würde Heiligabend bei seiner Familie verbringen, am ersten Feiertag jedoch wieder erreichbar sein.
Ich kümmerte mich lustlos noch um ein bisschen Papierkram, nachdem er gegangen war. Wieder konnte ich mich nicht konzentrieren. Meine Gedanken kreisten um immer mehr Dinge, an die ich seit Jahren nicht gedacht hatte. Mein kleines Mitternachtskonzert hatte nicht gerade geholfen, das Karussell, das sich seit vorgestern in Gang gesetzt hatte, zu verlangsamen.
Ich hatte keine Elan für Paragraphen und den ganzen Kleinscheiß durch den ich mich zu wühlen hatte.
Um halb zehn verließ ich die Kanzlei, verwirrter und doch euphorischer denn je. Ich konnte es kaum erwarten, nach Haus zu kommen und wieder zu spielen. Es war, als hätte ich in den letzten zwei Tagen ein Ich wieder gefunden, das ich schmerzlich vermisst hatte und das nun heim gekehrt war. Die Lichter um mich herum waren wunderschön. Die Düfte der weihnachtlichen Stadt waren betörend und sogar das Gemurmel der Menschen, ihr Schieben und drängeln störte mich nicht mehr. Merkwürdig.

In Gedanken versunken, schaute ich nicht auf meinen Weg und fühlte plötzlich einen Aufprall und gleich darauf ein heißes Brennen auf der Brust. Verdammt, hatte ich die Tollpatschigkeit denn heute gepachtet? Ein dunkler Fleck hatte sich auf meinem hellen Pullover ausgebreitet und bevor ich wusste was geschah, griffen zwei schlanke Hände in fingerlosen Handschuhen nach meinem Dekollete. “Scheiße – das tut mir leid, lassen Sie mich…! – He, Sie schon wieder! Da sind wir dann wohl quitt was?”, fragte mich eine Stimme, die ich von heut morgen nur zu gut kannte. Vor mir stand der Kerl, in den ich zuvor gerannt war. Dieses Mal sah er mich direkt an. Er trug einen runden schwarzen Hut, unter dem wuscheliges karamellblondes Haar hervor schaute. Seine Augen, die ich heut morgen nicht hatte sehen können, blitzten mich an. Sie waren dunkel und freundlich, ihre Farbe konnte ich im schummrigen Licht jedoch nicht erkennen. Ich sollte eigentlich wütend sein. Schließlich war der Kaschmirpullover den ich trug teuer und seine Finger hatten dort, wo sie gerade vergeblich versuchten, den Schaden zu beheben schon gar nichts verloren. Etwas in seinem Blick aber, lies mich lächeln und die Intensität mit der er mich ansah, rief ein für mich völlig untypisches Kichern hervor, das seinen Ursprung irgendwo in meiner Magengegend hatte. Dennoch schob ich ihn bestimmt von mir und sagte “Es war ja keine Absicht. Ihre Hände könnten Sie dort trotzdem wegnehmen!” Er sah mich erschrocken an, als wäre er sich gar nicht bewusst gewesen, wo er da gerade herumtupfte. Verlegen schaute er zu Boden und seine Wangen wurden rosa. Das passte nun gar nicht zu seiner selbstbewussten Ausstrahlung und dem recht ungeschliffenen Erscheinungsbild. Es war irgendwie – sexy!

Er hatte sich wieder gefangen und auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. So ehrlich und frech, dass ich es nur erwidern konnte. “Ich bin Niklas, darf ich das Desaster vielleicht wieder gut machen?”, er schien sich seiner Sache sehr sicher. Diese Art Männer waren das Material, aus dem hollywoodreife Klischees entstanden. Ungehobelte und doch charmante große Jungs die meinten, mit einem Lächeln und einem Zwinkern mit allem davon kommen zu können. Obwohl ich zugeben musste, dass es tatsächlich so war, wollte ich es ihm doch nicht so einfach machen. “Klar!”, sagte ich deshalb möglichst lässig, “Der Pullover kostet 200 Euro, soll ich Ihnen meine Kontodaten geben?” Sein Lächeln rutschte ihm vom Gesicht. “Ähm, ich meinte eigentlich… Ich…! Hmmmm – 200 wirklich?” stammelte er und fuhr sich mit der behandschuhten Hand über das Gesicht. Seine Hilflosigkeit ließ mich auflachen “Schon in Ordnung! Lassen wir es gut sein, das kann passieren.” Erleichtert stieß er die Luft aus und gewann seine Sicherheit mit einer Leichtigkeit zurück, auf die ich neidisch war. “Haben Sie noch Zeit für einen Kaffee, ähm…?” er legte den Kopf fragend schief. “Elisa, mein Name ist Elisa!”. Ich wollte zwar nach Hause, aber irgendwas hatte Niklas an sich. Er war einer von den Menschen bei denen man sich sofort wohl fühlte. Ich arbeitete wie eine Besessene und war schon seit Langem mit niemandem mehr aus gegangen. Die Ereignisse der letzten Tage hatten zudem meine Lust auf kleine Verrücktheiten geweckt.

Also nickte ich, “Ja gern, warum nicht!” Er lächelte erfreut, drehte sich um und schulterte einen Koffer den ich heut morgen gar nicht bemerkt hatte. Was darin war musste ich nicht raten die Form war zu eindeutig. “Sie spielen Saxophon?” fragte ich. Merkwürdig, hatte ich die Musik in den letzten Jahren aus meinem Leben fern gehalten, schien sie mich nun zu verfolgen und sich mit aller Macht ihren Platz zurück erobern zu wollen. “Äußerst erfolgreich, wie Sie ja heut morgen feststellen konnten!” grinste er mich an. “Sie haben wohl Recht, wir sind quitt!”, sage ich, wohl wissend, dass wir das nicht ansatzweise waren. “Ich kenne ein tolles Café, gleich in der Nähe! Ist das okay?” Ich nickte und nachdem wir durch die Menschenmenge und ein paar weihnachtlich erleuchtete Straßen gewandert waren, blieben wir vor einem kleinen Laden stehen, hinter dessen großen Fenstern goldweiße Lichter schimmerten. Die Scheiben waren an den Rändern beschlagen, was alles noch gemütlicher wirken ließ. Wir betraten den Raum und wohlige Wärme umfing mich. Das Café war gemütlich aber modern eingerichtet. Überall gab es indirekte Lichtquellen und es duftete verführerisch nach Kaffee, Gebäck und Gebratenem. Es war noch ein Tisch am Fenster frei und Niklas steuerte darauf zu. Gleich darauf kam eine Frau Mitte Vierzig zu uns herüber und lächelte ihn an. “Nik – wie schön dich zu sehen! Das Übliche?” fragte sie und warf mir einen neugierigen Blick zu. “Doro, das ist Elisa. Sie ist mir heut in den Schoß gefallen!”, er sah mir in die Augen und grinste mich an. Ich wurde rot und etwas in meinem Bauch begann zu flattern. “Er meint, wir sind uns in die Arme… Uhmm – ineinander gelaufen!”. Na toll, jetzt warf auch diese Doro mir einen süffisanten Blick zu. “Ich bin gleich wieder da und bringe euch was zu trinken!”, damit rauschte sie davon, ohne dass ich etwas bestellen konnte.

“Sehr nett, danke!” sagte ich angesäuert und sah Niklas finster an. Er lachte. Es war ein volltönendes, tiefes Lachen, das direkt aus dem Bauch kam. “Doro ist die Besitzerin des Cafés! Sie ist wie meine…!” – “Wenn du jetzt ´Mutter´ sagst Freundchen, dann setze ich dich vor die Tür.” Doro war wieder da und klappste Niklas auf den Hinterkopf. Ihr liebevolles Schmunzeln in seine Richtung verriet mir jedoch, dass es auch ihr offensichtlich schwerfiel, ihm ernsthaft böse zu sein. “Meine große Schwester wollte ich sagen.”, vervollständigte Niklas seinen Satz und nahm Doro die beiden Tassen ab, die sie auf einem Tablett zu uns getragen hatte. “Danke schön!”, er zwinkerte ihr zu und wandte sich dann wieder zu mir. “Probieren Sie, es ist großartig!” Ich blickte in den Becher. Eine Sahnehaube saß oben auf etwas, das offensichtlich heiße Schokolade war. “Kakao – wirklich? Wie süß.” Ich wollte ihn ein wenig ärgern. “Na los – erst probieren, dann urteilen!”, sagte er und nippte an seinem Becher. Ich pustete und schlürfte ein wenig ab. Gleich darauf musste ich husten. Meine Güte, offensichtlich war das Café ein Überbleibsel der Prohibition. “Whiskey!”, klärte Niklas mich auf und lächelte. “Doro brennt ihn selber. Aber legal, keine Sorge!”. Ich kostete erneut. Es war ein wundervoller Geschmack, dunkel und süß. “Es hatte mich nur überrascht, das ist alles.” Er zog die Augenbrauen hoch und lehnte sich vor.

“Nun, Elisa – was bringt Sie dazu, in einer kalten Winternacht wie dieser die Einladung eines Fremden anzunehmen?”, er sah mich neugierig an. “Vielleicht erzählen Sie mir einfach was von sich, dann wird die Frage überflüssig!”, gab ich zurück und reckte herausfordernd das Kinn. Ich griff nach meinem Becher, der auf dem kleinen Tischchen zwischen uns stand. Dabei berührte meine Hand versehentlich seine Fingerspitzen, die aus den Handschuhen heraus schauten, die er noch immer trug. Ein warmes Gefühl durchströmte mich und ich zog meine Hand hastig zurück. Niklas sah mich an und seine Augen, deren Farbe ich noch immer nicht ausmachen konnte, schienen eine Spur dunkler zu werden. “Was möchten Sie wissen?” fragte er. Ich riss mich von seinem Blick los und versuchte, das kribbelige Gefühl im Bauch zu ignorieren. “Nun, ähm – was machen Sie beruflich?”, fragte ich blöde, aber etwas unverfänglicheres fiel mir nicht ein. “Ich dachte das wäre klar!”, gab er mir zur Antwort und strich sanft über seinen Instrumentenkoffer, der an dem kleinen Sessel lehnte auf dem er saß. “Ich spiele. Schon immer. Ich bin nicht reich geworden damit, aber es genügt für das Wichtigste. Ich habe nie den Ehrgeiz entwickelt, berühmt zu werden, oder ein festes Engagement in einem großen Orchester zu bekommen. Ich lasse mich gern treiben, spiele, versuche zu berühren. Wenn auch nur ein Mensch am Tag lächelt wenn er mich hört, wenn ich etwas Besonderes in einen grauen Tag bringen kann, habe ich erreicht was ich wollte.” So begann er. Ich lauschte seiner dunklen Stimme und hing an seinen Lippen. Er schaffte es, mit einer Leidenschaft von seinem Leben zu erzählen und von dem, was er tat. Dabei war das, was er sagte dennoch völlig frei von Kitsch oder Pathos. Er erzählte mir von seinen Eltern, die ihn immer ermutigt hatten seinen Weg zu gehen. Von seinen Geschwistern, die klassischere Laufbahnen eingeschlagen hatten, aber stolz waren auf ihren vogelfreien kleinen Bruder.

Während er sprach beugte er sich oft zu mir vor, lächelte mich an und begegnete meinem Blick mit vollkommener Offenheit. Ich kannte das nicht. Ich war es gewohnt, dass meine Gegenüber früher oder später den Blick senkten, hin und wieder in Richtung Tisch oder Wand sprachen und vor allem bei schwierigeren oder emotionalen Themen den Blick des anderen mieden. Niklas war nicht so. Es war als würde er beobachten wollen, wie seine Worte bei mir ankamen. Er sah mich an, als würde ich ihm meine Geschichte erzählen und nicht er mir seine. Noch nie hatte ich jemanden getroffen, der mich so interessiert betrachtete ohne das ich auch nur ein Wort sagte. Und da war noch mehr. Er hatte die Hände locker an seinen Becher gelegt aber jedes Mal wenn ich nach meinem griff, ließ er ihn los und legte die Hände auf die Tischplatte, als würde er hoffen die zufällige Berührung von vorhin würde sich wiederholen.
Die Zeit verflog. Ich fragte, er erzählte. Von Orten an denen er war, von der Musik die ihn begleitete wohin er auch ging. Es tat gut, ihm zuzuhören, nicht an all das denken zu müssen, was die letzten Tage auf mich eingeströmt war. Ich genoss seine Gegenwart, wir lachten und es kam mir eigenartig vor, dass wir uns erst vor ein paar Stunden kennen gelernt hatten. Seine Blicke wurden zunehmend tiefer und machten mich nervöser,  als ich mir zunächst eingestehen wollte. Ich überlegte gerade, ob ich dem Gefühl ihn erneut “zufällig” berühren zu wollen nachgeben sollte, als er die Frage aussprach, die mich in die Wirklichkeit zurück holte.

“Und du?”, in unausgesprochener Übereinkunft waren wir schon vor einiger Zeit zum “du” gewechselt. “Du scheinst eine Verbindung zur Musik zu haben? Erzähl mir davon!”. Ich war überrascht. “Wie kommst du darauf?” fragte ich ernüchtert. So lange wir über ihn sprachen, hatte mich das Thema nicht gestört aber nun. Meine Brust wurde eng. “Ich möchte nicht so gern darüber sprechen…” Meine Augen begannen zu brennen. Meine Geschichte mit seiner vergleichen zu müssen brachte die Mauer, die letzte Nacht die ersten Risse bekommen hatte, vollends zum Einsturz und der wohl bekannte Schmerz bahnte sich seinen Weg. “Ach, komm schon Elisa. Wie kommt eine Anwältin dazu, so viel über Musik zu wissen? Spielst du im Büro heimlich Ukulele? Ich wusste immer, dass Juristen überbezahlt sind.” Es war natürlich ein Scherz aber ich konnte sein Lachen nicht teilen. Plötzlich wurde mir heiß. Die Wärme, die ich eben noch als angenehm empfunden hatte, kam mir nun stickig vor. “Ich – entschuldige bitte, ich muss kurz an die Luft.” Ohne seine Antwort abzuwarten stand ich auf und verließ das Café. Draußen schlug mir eisige Luft entgegen. Es war noch kälter geworden, trotz aller Voraussagen. Der Himmel war bewölkt und die Lichter der Stadt tauchten die Wolken in ein neblig-goldenes Licht. Ich sah zum Himmel, schlang mir die Arme um den fröstelnden Körper und spürte eine Träne im Augenwinkel. Wie spät war es wohl? Ich hatte die Zeit völlig vergessen.

Die Tür hinter mir öffnete sich und ich wusste, dass Niklas mir hinterher gekommen war, noch bevor er ein Wort sagte. Er stellte sich dicht hinter mich und legte mir meinen Mantel um die Schultern. Als er ihn umgelegt hatte, bewegte er sich nicht von der Stelle und ich konnte seine Wärme in meinem Rücken spüren. “Es tut mir leid!”, raunte er mir ins Ohr und ich begann zu zittern. “Ich wusste nicht, dass es dich so verletzt hat. Das war keine Absicht. Verzeih!”. Ich drehte mich zu ihm um und sah ihm in die Augen. Seine schienen heller als vorhin. Vielleicht waren sie braun, oder aber von einem dunklen Grau. Ich konnte es einfach nicht sagen. Das machte mich ein bisschen verrückt. Genauso wie das Gefühl, das sich in mir ausbreitete, als er jetzt meine Hände in seine nahm und mit seinem Daumen sanft über meinen Handrücken strich. So vertraut. Woher kam das bloß? “Lass uns ein bisschen laufen”, sagte ich leise. “Ich werde es dir erklären!”. Er nickte bloß, ließ zögernd meine Hände los und ging wieder ins Café. Nachdem er mit Doro ein paar Worte gewechselt hatte, küsste er sie auf die Wange und kam wieder hinaus. Ich lächelte ihm entgegen. Der Aufruhr in meinem Inneren hatte sich etwas beruhigt. “Zahlen musst du nicht? Ich dachte du wolltest wieder gut machen, dass du meinen Pullover ruiniert hast?” Er grinste frech. “Ich bin ein mittelloser Straßenmusiker, was hast du erwartet? Mein hart verdientes Geld hat mir so eine Verrückte heut morgen aus der Hand geschlagen.” Sein Lächeln wurde breiter und ich konnte mich der Wirkung nicht entziehen. “Lass uns gehen!”, sagte er.

Wir gingen die Straße hinunter und sagten kein Wort. Wie sollte ich anfangen? Wo sollte ich anfangen? “Als ich vier war, bekam ich zu Weihnachten mein erstes Instrument”, begann ich schließlich am Anfang. “Es war wunderschön. Ich bin einem reichen Elternhaus aufgewachsen, an Weihnachten gab es immer viele Geschenke. Aber in diesem Jahr, da beachtete ich außer diesem Keines. Meine Eltern waren erfreut. Kultur, musikalsiche Bildung, das alles war ihnen unheimlich wichtig. Ich bekam Unterricht und ich liebte es. Ich wurde besser, ich wurde richtig gut. So schnell, dass ich außerhalb der Unterrichtsstunden begann, kleine Konzerte für Freunde und Familie zu geben. Ein Jahr später, wieder an Weihnachten, war ich schon so gut, dass sogar die Nachbarn und Freunde meiner Eltern später am Abend vorbei kamen, nur um mich spielen zu hören. Ich war das Wunderkind. Für mich war es das schönste Gefühl auf der Welt und von da an spielte ich jedes Jahr an Heiligabend für Familie und Freunde”, ich holte Luft und hielt inne. Ich dachte an gestern Nacht, das Gefühl der Saiten unter meinen Händen und daran, wie frei und friedlich ich mich gefühlt hatte. Niklas hielt mein Schweigen aus, während wir über den belebten Goetheplatz liefen und in eine kleine Straße dahinter abbogen. Wir folgten keinem Ziel, wanderten nur vorbei an beleuchteten Schaufenstern und schwatzenden Menschen.

“Meine Eltern sind sehr ehrgeizig musst du wissen. Sie lieben Kunst und Musik, Literatur. Aber für sie ist das nur Zeitvertreib. Etwas Schönes, aber nichts Ernsthaftes. Sie wollten immer, dass ich Ärztin werde. Ich teilte ihre Idee bis zu dem Tag, an dem ich das erste Mal den Gedanken hatte, die Musik könnte der Inhalt meines Lebens sein. Ich war acht glaube ich. Von diesem Tag an habe ich darauf hin gearbeitet. Ein paar Jahre später erfuhr ich von einer angesehenen  Musikschule in den USA und es wurde mein Traum, mein heimliches Ziel. Ich wusste, dass meine Eltern das nicht akzeptieren würden, aber ich hatte die Illusion, dass, wenn ich es nur schaffen würde dort aufgenommen zu werden, sie damit einverstanden wären.” Wir bogen um ein paar Ecken und die Menschen um uns herum wurden weniger, die Nacht stiller. Niklas ging nah neben mir und hörte mir einfach zu. Er sah mich von der Seite an, ich konnte seine Blicke spüren. “Vor zehn Jahren dann, ich war 18, hatte ich es geschafft. Heimlich hatte ich neben den Vorbereitungen auf das Abitur die Bewerbung abgeschickt und war angenommen worden. Kurz vor Weihnachten kam die Zusage. Ich war euphorisch, ich schwebte auf Wolken und beschloss, es meinen Eltern an Heiligabend zu sagen.” Meine Stimme begann zu zittern und als ich sicher war, nicht weiter sprechen zu können, schob sich Niklas´ warme Hand wie selbstverständlich in meine. Es fühlte sich überhaupt nicht merkwürdig an. Nur meine Knie gaben nach, als mein Herz kurz aussetzte. Das war total verrückt. Da lief ich mit einem Mann, den ich erst seit ein paar Stunden kannte durch die Straßen, hielt seine Hand und erzählte ihm meine Lebensgeschichte.

Niklas schien meine Gedanken zu hören, denn er fragte “Entschuldige, ist das in Ordnung?”. Seine Stimme klang rau und ein wenig unsicher. Ich strich ihm zur Antwort sanft über die Fingerkuppen und erzählte weiter. “Alle waren da, wie jedes Jahr. Die Stimmung war fröhlich, der Baum eine Pracht. Nach dem Festessen spielte ich eine Stunde lang und wurde dabei immer freudiger. Gleich würde der Moment kommen, an dem ich allen verkünden würde, was mich so glücklich machte. Und dann…!”, ich konnte nicht verhindern, dass mir ein Schluchzen entwich. All die verletzten Gefühle, die ich so lang zurück gehalten hatte prasselten auf mich ein, als ich die Erinnerungen an sie zugelassen hatte. Wir blieben stehen. Wie ich verwundert feststellte, waren wir vor meiner Haustür angekommen. Ich sah auf den Boden und weinte. Schon wieder. So viel geweint hatte ich nicht mehr seit diesem einen Heiligabend. Niklas legte sanft seine Finger unter mein Kinn und hob meinen Kopf. “Du musst mir das nicht erzählen, wenn du nicht willst.” Er sah mich eindringlich an. Etwas in meinem Blick beruhigte mich. Wie kam es nur, dass ich ihm so vertraute? Das ich ihm all das erzählte, wo ich doch seit Jahren nicht darüber gesprochen hatte. Selbst meine besten Freundinnen kannten nicht die ganze Geschichte. “Doch, ich möchte es gern”. “Lass mich raten!”, sagte Niklas leise, “Sie haben es nicht gut aufgenommen?” Wir gingen die Stufen zum Eingang hinauf. Aus dem Vorgarten leuchtete uns ein Tannenbaum entgegen. Mein Blick wanderte an der Fassade entlang und blieb an meinen Fenstern hängen. Meine Fenster mit den Lichterketten, hinter denen die schmerzhafte Vergangenheit, die ich hier gerade ausbreitete, auf dem Teppich neben meinem Sofa lag. Ich seufzte. “Nein, das haben sie nicht!”

Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. “Es herrschte absolute Stille, nachdem ich es meinen Eltern vor allen Anderen verkündet hatte. Meine Mutter hatte schon während ich sprach einen so eisigen Blick aufgesetzt, dass niemand von den Anderen sich zu trauen schien, sich mit mir zu freuen oder mir zu gratulieren. Sie sah mich an, als sähe sie mich zum ersten Mal. Und ihr gefiel nicht, was sie sah. Mein Vater blieb ruhiger. Aber das ist bei ihm nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Er wollte die anderen Gäste bitten zu gehen. Aber bevor er dazu kam, begann meine Mutter schon mir zu sagen, was sie von meinen Zukunftsplänen hielt. Sie hat nicht mal geschrien, das wäre vielleicht sogar erträglicher gewesen. Ihre Stimme war einfach nur kalt und sie erklärte mir in aller Ausführlichkeit, welch eine Enttäuschung ich für sie war. Das ich dabei war, mein Leben weg zu schmeißen für einen so unsicheren und traumtänzerischen Weg. Das sie mehr von mir erwartet hätte. Als sie merkte, dass all die Argumente mich womöglich nicht erreichen würden begann sie, unfair zu werden. Sie sagte, ich hätte nicht genug Talent und dass ich es auf keinen Fall schaffen würde. Ich wäre mittelmäßig und solle mich schon mal an ein Leben voll von Ablehnung und Versagen gewöhnen”.

Ich flüsterte nur noch und mir rannen die Tränen übers Gesicht. Es war mir egal. Niklas gab mir das Gefühl loslassen zu können und das tat ich. Er strich mir sanft über die Wangen und legte den Arm um mich. Ich hörte auf zu reden und schmiegte meine Stirn an seine Schulter. Er legte seine Lippen auf mein Haar und ich fühlte seinen warmen Atem. Seine Hand strich mir über den Rücken und ich spürte meinen Herzschlag in den Ohren und auch all das, was sich in den kurzen Stunden zwischen uns entwickelt hatte. “Folge der Melodie…!” Ich traute mich nicht, ihm ins Gesicht zu blicken. Ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, was dann passieren würde und ich war nicht sicher, ob ich bereit dazu war. Also redete ich weiter an seiner Schulter vorbei in die kalte Winternacht. “Ich wusste, dass sie log. Mir brauchte niemand zu erzählen, wie gut ich war. Aber sie ist meine Mutter und ein Teil von mir nahm das an, was sie sagte und etwas in meinem Inneren zerbrach. Ich zog mich zurück. Von meinen Eltern und von der Musik. Ich gab Träume auf von denen ich eigentlich wusste, dass sie wahr werden konnten. Als ich das realisierte, war es zu spät. Seitdem habe ich nie wieder gespielt – bis gestern Nacht.” Jetzt hob ich doch den Kopf. Sein Gesicht war mir ganz nah.

“Was war gestern Nacht?”, fragte er heiser und kam noch ein Stück näher. Wie sollte ich ihm von den Begegnungen der letzten zwei Tage erzählen, ohne dass er mich für verrückt hielt. Das Kind, das mir diesen seltsamen Rat gegeben hatte, der alte Mann mit dem verwischten Tattoo, der meinen Namen zu kennen schien… “Ach, sagen wir einfach”, druckste ich, “Du bist nicht das einzig Ungewöhnliche, das mir diese Weihnachten passiert ist.” Verwundert hob Niklas den Kopf “Ungewöhnlich?” – “Nun ja, ich neige nicht dazu Fremden das anzuvertrauen, was ich dir gerade erzählt habe.” Da war es wieder, dieses schiefe Lächeln, das mich so aus der Fassung brachte. “Ach, warum tust du es dann?”

“Ich kann es dir nicht sagen. Es ist – anders. Als würde ich dich kennen. Das ist bescheuert, ich weiß…”
Niklas Gesicht war ernst, als er sich zu mir hinunter beugte und mir ins Ohr raunte “Ich weiß, was du meinst. Du hast mich völlig überrascht Elisa. Mit dir hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Da stolperst du plötzlich in mein Leben – zwei Mal. Glaub mir ich weiß, was du meinst.” Er nahm mein Gesicht in beide Hände und begann, die Tränen von meinen Wangen zu küssen. So zart, dass ich mir nicht sicher war, ob das tatsächlich passierte. “Du bist besonders und wenn ich dir nur dafür begegnet bin, damit du das alles einmal los werden konntest, dann ist das… Schade, das gebe ich zu”, er lachte leise und sah mich an, “Aber dann war es trotzdem die schönste und verrückteste Nacht meines Lebens!” Meine Tränen waren versiegt und ich erwiederte seinen Blick. 

Seine Augen schienen nun fast schwarz und in dem Moment dachte ich nicht weiter nach, umfasste seinen Nacken, zog ihn zu mir herunter und als sich unsere Lippen berührten, begann etwas in mir leise zu klingen. Sein Kuss war sanft und fordernd zugleich. Ich lehnte mich ihm entgegen und für einen kurzen Moment, vergaß ich alles um uns herum. Als ich schließlich etwas kühles und nasses auf meiner Wange spürte, öffnete ich überrascht die Augen. Es hatte begonnen zu schneien! 

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