Mee(h)r im Herzen
Sonntagsgeschichten

A Christmas Carol IV – Finale

Silberweißes Licht weckte mich am nächsten Morgen. Als ich die Augen aufschlug wusste ich, mein Leben war nicht mehr das Selbe. Ich lag da und konnte mich nicht rühren. Das Glück kribbelte mir bis in die Zehenspitzen und ich hatte Angst, dass eine falsche Bewegung mich merken lassen würde, dass alles nur ein Traum war.
Leise, gleichmäßige Atemzüge kitzelten mich am Rücken und ich schloss kurz die Augen. Es war kein Traum. Langsam, um ihn nicht zu wecken, drehte ich mich um.

Niklas lag auf dem Bauch, das Gesicht war mir zugewandt. Seine Augen waren geschlossen und die langen, dunklen Wimpern warfen im kühlen Morgenlicht sanfte Schatten. Ich betrachtete ihn. Seine blonden Haare waren noch zerzauster als gestern und ich wurde ein wenig rot als ich daran dachte, dass ich daran vermutlich nicht ganz unschuldig war. Im Schlaf waren seine Züge vollkommen entspannt. Die hohen Wangenknochen und das markante Kinn wirkten sanfter, jetzt da er schlief. Die perfekt geschwungenen Lippen waren leicht geöffnet und ich biss mir auf meine als die Erinnerung daran, wie sie sich anfühlten zurück kehrte. Ich unterdrückte ein Kichern und schüttelte ungläubig den Kopf, das Gesicht im Kopfkissen vergraben. Dann sah ich ihn wieder an. Ich musste aufstehen, ich war nervös und ich wollte ihn noch nicht wecken.
Es musste spät sein, aber ich hatte seit langer Zeit mal wieder geschlafen wie ein Baby. Außerdem war Heiligabend und Sonntag. Ich hatte David zwar versprochen zu arbeiten, aber das konnte ich auch von zu Hause und er war sowieso nicht da.
Ich warf mir einen dicken Wollpulli über, schloss die Schlafzimmertür und ging barfuß in die Küche. Dann schaltete ich die Kaffeemaschine an und trat ans Fenster. Frankfurt lag unter einer dicken Schneedecke. So sehr hatte es seit Jahren nicht mehr geschneit. Ich öffnete das Fenster und vom Fensterbrett fielen mir ein paar Flocken auf meine nackten Füße. Ich quiekte überrascht und trat kichernd einen Schritt zurück.
Ein anderes Leben. So lebendig und ganz hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt. Als der Kaffee durchgelaufen war, lehnte ich mich ans Fensterbrett und sah hinaus auf die verzauberte Stadt.

Als es letzte Nacht begonnen hatte zu schneien, hatte ich Niklas verwundert angeschaut und gesagt “Aber, es sollte doch wärmer werden, das kann doch gar nicht sein!”. Ich war so überrascht gewesen von meinem Mut und noch mehr von diesem Kuss, der mir den Verstand vernebelt hatte, dass ich nichts Sinnvolleres zustande brachte. Er hatte mich nur näher an sich gezogen, gelächelt und mir auf die Lippen geflüstert, “Nicht alles lässt sich voraussagen Elisa!”. Dann hatte er mich wieder geküsst und das Wetter war mir mit einem Mal völlig egal gewesen. Der Schnee war weiter gefallen und nach einer Ewigkeit in der ich nichts fühlte als Niklas´ Arme um meine Hüfte und die Wärme seiner Lippen, hatten wir uns angeshen und er hatte meine Hände genommen. “Ich denke, wenn wir hier länger stehen bleiben, werden wir einschneien. Vielleicht…,” er hatte gezögert, “vielleicht darf ich dich bald wieder sehen?”. Der Schnee um uns herum, der schon alles überzuckert hatte und weiter in dicken Flocken fiel, hatte die Welt verstummen lassen und in einen Mantel aus wattigem Schweigen gehüllt. Es hatte sich angefühlt, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt. Ich war eine vernünftige Frau, ich tat nie impulsive Dinge und mit Sicherheit war ich nicht leicht zu haben. Aber die Vorstellung, dass er seinen Koffer nehmen und nach ein paar Schritten einfach im fallenden Schnee verschwinden würde, hatte mir beinahe körperlich weh getan. Könnte es mir nicht nach all den Jahren mal egal sein, was vernünftig war und was ich sonst tat oder bleiben ließ? Die Antwort kannte ich bereits “Hören Sie öfter mal auf das, was ihr Herz Ihnen sagt!”

“Möchtest du nicht bleiben?”, hatte ich Niklas gefragt. Er hatte mich angelächelt und es war nicht weniger gewesen als ein Versprechen, dass ich diese Frage nicht bereuen würde. Als ich zur Tür vor gegangen war, hatte ich ihn in meinem Rücken leise lachen gehört. “Was ist so witzig?”, fragte ich. “Ich wusste, dass du fragst!” hatte er geantwortet und war wieder ganz der unverschämte Charmeur gewesen, in den ich vor ein paar Stunden gerannt war. “Na warte!” ich hatte gelacht, nach dem Schnee auf meinem Briefkasten gegriffen und ihm eine Schneekugel an seinen selbstzufriedenen Kopf geworfen. Er hatte sich geduckt und ehe ich gewusst hatte, was geschah, hatten wir uns mitten in einer Schneeballschlacht befunden. Ein paar Minuten später war ich atemlos die Stufen zur Tür hinauf gerannt und hatte die Hände gehoben. Niklas war mir hinterher gelaufen und hatte mit einem Schneeball in der Hand vor mir gestanden. Ich hatte keinen Ausweg. Er hatte gegrinst und war auf mich zu gekommen. “Gibst du auf?” hatte er gefragt und war näher gekommen. Ich hatte glühende Wangen und mein Herz raste. “Niemals!”, hatte ich geflüstert und doch gewusst, dass ich bereits rettungslos verloren war. Sein Gesicht war eiskalt gewesen, als ich die Hände auf seine Wangen gelegt hatte. Der Schneeball war zu Boden gefallen und die Kälte schmolz unter seinen Küssen dahin.

Ich wusste später nicht mehr, wie wir in die Wohnung gekommen waren. Aber schließlich hatte uns die Wärme und das Leuchten in meinem Wohnzimmer umfangen. Niklas hatte innegehalten, sich umgesehen und auf eine Stelle neben meinem Sofa gedeutet. “Wunderschön!”. Ich hatte genickt. “Ich würde dich gern spielen hören!” Mit war flaugeworden. Das konnte ich nicht. Für mich allein, das war eine Sache. Aber – ich hatte die Musik gerade erst wieder gefunden, sie war zu mir zurück gekehrt. Ob ich sie schon wieder teilen konnte? Andererseits. Ich hatte ihm alles erzählt, mehr als den meisten. Was sollte es also schaden? Nervös war ich dennoch gewesen, als ich mich setzte und die Hände auf die Saiten gelegt hatte. Als ich begonnen hatte, hatte ich die Augen geschlossen und die Musik kam ebenso mühelos, wie in der Nacht zuvor. Sanft waren die Töne durchs Zimmer getanzt und hatten die Geschichte dieser Nacht erzählt. Ich hatte die Augen geschlossen und hatte Niklas´ Reaktion nicht sehen können. Nach ein paar Minuten jedoch hatte ich gespürt, dass er hinter mir stand. Er hatte sich gesetzt und begonnen, mir mit den Lippen zart über den Nacken zu streichen. Ich war erschaudert und hatte die Hände sinken lassen. “Spiel weiter!”, hatte er gefordert, “Es ist wunderschön, du bist wunderschön. Du leuchtest wenn du spielst. Von Innen!”. Er hatte meine Hände umfasst und so hatte ich ihn von Note zu Note geführt. Ich hatte mich nicht entscheiden können, was schöner war. Die Melodie, die wir gemeinsam spielten oder seine Nähe, seine Hände auf meinen und sein Atem an meiner Haut. Ich hatte mich zumindest irgendwann nur noch auf eines davon konzentrieren können und so hatte ich die Hände von den Saiten gleiten lassen und mich in eine Harmonie fallen lassen, für die wir beide keine Instrumente gebraucht hatten.

Ein Windstoß fuhr durchs Fenster und holte mich aus den Erinnerungen an die letzte Nacht, in den Morgen danach zurück. Ich fror. Wie lange hatte ich am offenen Fenster in die weiße Wunderwelt geschaut und geträumt? Der Kaffee war nur noch lauwarm. Ich klappte das Fenster zu und beschloss, ins Schlafzimmer zurück zu kehren. Im Wohnzimmer lag noch unsere Kleidung verstreut. Auf dem Sofa, auf dem Boden und über dem Koffer von Niklas´ Saxophon. Daneben lagen, aus dunklem poliertem Holz gearbeitet mein Cello und der Bogen, den ich gestern achtlos auf den Boden hatte fallen lassen. Ich hob ihn auf und legte ihn aufs Sofa. Meine geliebtes Cello stellte ich direkt daneben. Nie wieder würde es in die Kammer ziehen müssen. Glücklich ging ich ins Schlafzimmer zurück und blieb an der Tür stehen. Niklas schlief noch immer. Ich betrachtete ihn. Seine Haut war glatt und blass in der Morgensonne und seine Körperformen unter der Decke weckten meine Lust, mich wieder zu ihm zu legen. “Ich weiß, was du denkst!”, sagte er mit geschlossenen Augen und ein kleines Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.” Er hatte seinen Arm neben den Kopf gelegt, das Handgelenk nach oben. In dem Moment, in dem ich ihm eine scharfzüngige Antwort geben wollte, stockte mir der Atem. Ich stutzte und schaute genauer hin.
Das konnte doch nicht sein?! Mein Herz schlug schneller und dieses Mal lag es nicht an Niklas´ Lächeln. Direkt über dem Handgelenk hatte er ein Tattoo, das ich in der Nacht überhaupt nicht gesehen hatte. Wie ein Gemälde von Dali, mit verlaufenem Mundstück, prangte dort – ein Saxophon. Mir wurde schwindelig. Das war zu viel. Einfach zu viel. Erst dieses merkwürdige Kind, all die vergrabenen Erinnerungen und nun das. Ich hatte das Bild des alten Mannes genau im Kopf. Seine Geschichte, seine Frau, Musik, Magie… Ich hielt mich am Türrahmen fest um nicht umzufallen.
Als hätte er meine Unruhe bemerkt schlug Niklas die Augen auf und sah mich an. Im Morgenlicht erkannte ich das erste Mal ihre Farbe! Sie waren tannengrün.

“Elisa? Du bist ganz blass!”. Niklas war aufrichtig besorgt, er stand auf und kam zu mir. Als er die Hand nach mir ausstreckte, wich ich vor ihm zurück. Er lies den Arm sinken und sah mich an, als hätte ich ihm eine Ohrfeige verpasst. “Was ist los? Rede mit mir? Was hab ich falsch gemacht?”. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Aber ich wusste, ich musste jetzt allein sein und versuchen zu verstehen. So etwas war einfach nicht möglich. “Elisa!” hörte ich das Echo eines vertrauten Flüsterns. Was das bedeutete war mir zu verrückt, erschien mir zu unmöglich, als das ich es fassen konnte. “Bitte geh!”, sagte ich leise. “Nicht, bevor du mir sagst, was zur Hölle plötzlich los ist. Was ist mit letzter Nacht? Was sollte das alles?”. Seine Stimme kippte. Ich spürte, dass er wütend wurde. “Es liegt an mir!”, haute ich den abgedroschensten Spruch dieser Welt raus. “Ich tue so etwas niemals!” – “Glaubst du vielleicht ich?”, jetzt war er wirklich sauer. “Für wen hältst du mich Elisa? Ich habe dir gesagt, es ist etwas Besonderes. Denkst du, das habe ich nur gesagt, um dich ins Bett zu kriegen?”, er ging an mir vorbei ins Wohnzimmer und suchte seine Klamotten zusammen. “Keine Ahnung!”, fauchte ich zurück, “Hast du? Ich kenne dich doch gar nicht, woher soll ich das wissen?”.

Ich wusste ich verletzte ihn aber ich war zu verwirrt von all dem, was in meinem Kopf vor sich ging, dass es mir egal war. Ich wollte nur noch raus aus dieser Situation über die ich einfach nicht Herr war. Etwas, was ich unendlich verabscheute. Hatte ich wirklich geglaubt, mich in zwei Tagen so sehr ändern zu können? Ich griff nach meiner Jeans, stürmte an Niklas vorbei, der mich verwirrt ansah, streifte meine Winterstiefel über und drehte mich zu ihm um. Er stand da wie angewurzelt, mit halb angezogenem Pullover und ein Bein in der Hose. “Elisa…!”, sagte er jetzt wieder sanft und ich kam ins Wanken. Ich hob den Blick. Seine dunkelgrünen Augen blickten mir in die Seele. Augen denen ich schon begegnet war, bevor ich ihn kannte. Nein, ich musste raus hier. “Vergiss das alles einfach. Was ich gestern alles sagte und tat. Es war ein Fehler. Ich – wurde von meiner Vergangenheit überrascht. Aber das ist es eben. Meine Vergangenheit. Nicht meine Zukunft. Auch das hier…”, ich machte eine vage Geste zwischen ihm und mir und Niklas zuckte leicht zusammen. “Es tut mir leid, dass ich dich da mit rein gezogen habe. Zieh die Tür zu, wenn du gehst! Und… komm nicht wieder!”, sagte ich, drehte mich um und verließ das Haus.

Vor der Tür atmete ich durch, eine Träne rann mir die Wange hinunter. Wütend wischte ich sie weg und ging ohne Ziel einfach drauf los. Die Stadt war wie ausgestorben. Der Schnee lag glitzernd in den Straßen und kleinen Vorgärten. Wohin sollte ich gehen? Wohin weglaufen vor Dingen, die man nicht versteht? Ich hatte keine Ahnung. Ich wanderte durch Straßen und Gassen, bis ich in der Innenstadt ankam. Auch hier waren wenige Menschen unterwegs. Alle waren zu Haus und bereiteten sich auf einen gemütlichen Tag vor. Heiligabend! Gestern noch hatte ich gehofft, ja sogar fest daran geglaubt, dass es entgegen meiner Erfahrungen ein schönes Weihnachten werden könnte. Ich seufzte. Meine Füße waren so müde wie meine Gedanken. Ich hatte Angst gehabt, ich war feige. Das wusste ich, aber ich konnte es nicht ändern. Ich setzte mich auf einen mit Ketten angebundenen Stuhl vor einem geschlossenen Café und vergrub das Gesicht in meinen Händen. Was hatte das alles zu bedeuten? Magie, hatte der alte Mann… Niklas es genannt. Der Gedanke ging nicht in meinen Kopf. Es war doch einfach unmöglich, dachte ich und fühlte doch ganz genau, dass es wahr war. Ich kam so nicht weiter.

Ich zog mein Telefon hervor und rief Sofie an. Sie hatte mir immer ungeschönt erzählt, was sie von dem hielt, was ich dachte oder tat. Sie hatte die besondere Gabe pragmatisch zu denken und doch ein Gefühlsmensch zu sein. Es war 10.00 Uhr, vermutlich schlief sie noch. Ich wollte gerade wieder auflegen als “Elisa? Alles okay?”, fragte sie verschlafen. Schon ihre Stimme zu hören, beruhigte mich. Sie würde mir glauben, das wusste ich.
Ich sprudelte drauf los. Ich erzählte ihr von meinem seltsamen Gefühl, als ich vor drei Tagen aufstand. Von dem merkwürdigen Tag, der darauf folgte. Von dem Kind und davon, was es mir sagte. Von der Melodie, die ich am Tag danach hörte und von dem Menschen, den ich dann begegnete. Ich beschrieb ihr das Tattoo des alten Mannes, den ich in meinem Kopf noch immer nicht Niklas nennen konnte obwohl ich wusste, dass es die Wahrheit war. Davon wie ich nach Hause ging, mein Cello aus der Kammer holte und die ganze Nacht spielte. Der Klos in meinem Hals wurde größer. Dennoch erzählte ich weiter, von der Begegnung mit Niklas, von dem Gefühl, dass ich hatte, wenn ich bei ihm war, obwohl ich ihn erst ein paar Stunden kannte. Ich erzählte ihr alles und als ich zu den Ereignissen des heutigen Morgens kam, konnte ich die Tränen nicht mehr zurück halten. Ich schluchzte und Sofie unterbrach mich nicht. Erst als ich mich ein bisschen beruhigt hatte sagte sie leise, “Süße, kann es sein, dass du dich fürchtest?” Ich musste lachen. Sie verschwendete nie viele Worte und wusste was in mir vorging, obwohl ich selbst versuchte, es zu verdrängen. “Klar!”, sagte ich und wischte mir mit dem Ärmel über die Augen. “Würdest du nicht? Das ist doch – das kann es doch nicht wirklich geben, oder?”, zitternd wartete ich auf ihre Antwort, für die sie sich untypisch viel Zeit ließ.

“Pass auf. Es ist verrückt, das gebe ich zu. Aber es gibt viele Dinge auf der Welt, die sich nicht erklären lassen. Vielleicht ist es nicht die richtige Frage, die du stellst. Ob es das gibt oder nicht, ist doch eigentlich nicht wichtig oder? Ist es nicht wichtiger, was es mit dir gemacht hat? Wenn du glücklich warst, war es nicht wirklich? Wenn es sich gut angefühlt hat ist dann nicht egal, warum es so war? Ich habe dich seit Jahren nicht mehr so emotional und gelöst erlebt. Auch, wenn du durch den Wind bist. Du hast einfach nur Angst zu glauben, dass du offensichtlich ein glückliches Leben vor dir hast. Das das, was du wieder vorsichtig in dein Leben gelassen hast sich mehr Platz nimmt, als du kontrollieren kannst und wir wissen, das kannst du nicht leiden”. Sie hielt kurz inne. “Außerdem”, fuhr sie ernst fort, “Habe ich dir schon immer gesagt, dass du nicht das tust was du solltest. Das ein Teil von dir immer woanders zu sein schien, auch wenn es sonst nur wenige merkten. Vielleicht ist das Wichtigste an der ganzen Sache, dass du dich wieder gefunden hast.”
Als sie das sagte spürte ich sofort, dass sie einen Nerv traf. Ich war so glücklich gewesen, als ich nach all den Jahren das erste Mal wieder hinter meinem Cello saß und die Melodie in mir spürte. Mehr als das – ich war vollständig, mehr ich selbst, als ich in den letzten zehn Jahren jemals gewesen war. Die ungewöhnlichen, seltsamen – ach, was solls – magischen drei Tage und ihre Begegnungen, hatten mich auf einen Weg zurück geführt, den ich verloren glaubte. Ich war der Melodie gefolgt und ich hatte auf mein Herz gehört. Wie Niklas es mir, so unerklärlich es war, gesagt hatte. Niklas! “Sofie? Was soll ich jetzt tun – mit Niklas meine ich?”. Ich hörte, wie sie lächelte, “Das weißt du doch längst! Nimm es an wie es ist!” Ich schluckte. “Das werde ich. Ich danke dir Sofie. Ich werde mich ganz bald wieder melden, ich verspreche es dir. Ich werde wieder mehr für euch da sein!”.

Wir verabschiedeten uns und ich sah in den grauen Dezemberhimmel. Wolken waren vor die Sonne gezogen und ein paar Minuten später, hatte es begonnen zu regnen. Ich konnte zusehen wie der Schnee auf dem Weg vor mir einfach wegschmolz. Ich rannte durch die Straßen und wollte so schnell wie möglich nach Hause. Als ich dort ankam, war von der verzauberten Landschaft nur noch grauer Schneematsch übrig. Den Schlüssel schon griffbereit, stieß ich ihn ins Schloss und sprintete die Treppe hoch. Außer Atem schmiss ich die Wohnungstür hinter mir zu und sah mich um. “Niklas?”, fragte ich in die Stille und hoffe auf eine Antwort, obwohl ich bereits wusste, dass er nicht mehr da war. Die Wohnung wirkte kalt und leer. Mein Hals schnürte sich zu und ich blinzelte gegen die Tränen an, die mir in den Augen brannten. Wie hatte ich nur so dumm, so feige sein können? Sofie hatte Recht gehabt. Nichts als Angst hatte mich so überstürzt reagieren lassen. Das allein wäre ja noch verständlich gewesen, schließlich waren die Umstände… Ein tiefer Seufzer entfuhr mir. Das hatte allerdings nicht gerechtfertigt, dass ich so fies geworden war. Ich musste es wieder gutmachen, mich entschuldigen. Ich musste ihn suchen.
Sechs Stunden später, schloss ich durchgefroren und nass bis auf die Knochen meine Wohnung wieder auf. In mir tobte ein Sturm an Gefühlen. So durcheinander, dass ich nicht wusste, was genau ich fühlte. Ich hatte stundenlang nach Niklas gesucht. Ich war an der Stelle gewesen, an der wir uns das erste Mal begegnet waren. Ich war bei Doro im Café gewesen, aber auch hier hatte ich kein Glück gehabt. Den Weg, den wir letzte Nacht genommen hatte, war ich drei Mal gelaufen und dennoch… Ich ließ meine Jacke achtlos fallen und ging zum Fenster. Warm und gemütlich strahlten mich die Lichter in meinem Fenster an und als mir klar wurde, dass ich Niklas vermutlich nie wieder sehen würde, entschied sich mein Herz endlich für ein Gefühl. Ich lehnte die Stirn an die kühle Fensterscheibe und die weihnachtliche Welt dort unten, in der nun die meisten Menschen mit denen zusammen saßen, die sie liebten, verschwamm hinter einem Schleier aus heißen Tränen.

 

Drei Tage. Noch drei Tage. Dann wäre alles vorbei. Nur noch drei Tage. Schade, dachte ich. Ich liebte die Weihnachtszeit. Wie hatte es jemals anders sein können? Die Erinnerungen an mein altes Ich, das Ebenezer Scrooge Konkurrenz hatte machen können, waren so blass wie der Dezemberhimmel, der sich über mir spannte. Drei Jahre waren vergangen, seit dem Weihnachtsfest, das alles verändert hatte. Drei Jahre, seit ich dem kleinen Kind begegnet war – und Niklas. Seitdem, sah ich die Welt mit anderen Augen. Die Vorfreude, die überall in der Luft lag. Das warme Leuchten in den Augen der Menschen. All die Herzen, die so viel gütiger und weicher waren in dieser Zeit. Alle schienen mehr und schneller zu verzeihen. All die köstlichen Düfte, die durch die Luft tanzten. Kinderlachen und der allgegenwärtige Glaube an Etwas, der für kurze Zeit eine bessere Welt schaffte, als wir es konnten. Magie! Und dann die Musik an jeder Ecke. Vertraute Melodien, gewebt aus glücklichen Erinnerungen.
Ich stand da und sog all das auf. Mein Herz platzte beinahe vor Wärme und kribbeliger Vorfreude. Es war Heiligabend und in drei Stunden würde ich an einer festlich gedeckten Weihnachtstafel sitzen. Meine Mutter war bei mir zu Hause und bereitete mit meinen Freundinnen das Essen vor, während mein Vater mit deren Männern vermutlich fachsimpelnd über irgendein politisches Thema bei einem Eierpunsch auf der Couch saß. Ich freute mich auf die gelöste Stimmung und das gemütliche Beisammensein. Aber erst – erst hatte ich noch einen Termin. “Elisa – kommst du?”, klang eine dunkle Stimme von der anderen Straßenseite zu mir. Joe, unser Gitarrist, deutete ungeduldig auf seine Uhr. Wir hatten noch ein Engagement, für das wir schon spät dran waren. Ich lächelte. “Bin schon unterwegs, es war nur gerade so wunderschön, so weihnachtlich!” Er lachte “Ja, ja Weihnachtsengel – auf jetzt!”.
Wir liefen durch die Gasse auf dem Weg vom Römer und bogen um die Ecke. Jedes Mal, wenn ich in den letzten Jahren diesen Weg gegangen war, stieß ich mit meinen Erinnerungen zusammen. Mit dem, was vor drei Jahren hier passiert war.

Ich hatte etwa zwei Stunden geweint damals. Ich hatte am Fenster gestanden und mir selbst wahnsinnig leid getan, meine Dummheit verflucht. Als ich mich etwas hatte beruhigen können, war etwas in mir erklungen und hatte erst leise, dann immer lauter gerufen, “Wach auf Mädchen. Wozu war das alles gut? Was willst du daraus machen?”. Und obwohl es mir das Herz zerriss, an ihn denken zu müssen, waren mir Niklas Worte nicht aus dem Kopf gegangen: “Wenn ich dir nur dafür begegnet bin, damit du das alles einmal los wirst…!” Ich hatte die Schultern gestrafft und beschlossen, nicht aufzugeben, mich dem zu öffnen, was da so unaufhaltsam in mein Leben drängte. Ich war so nervös und freudig ungeduldig gewesen, dass ich noch in der selben Stunde David angerufen und ihm auf die Mailbox gesprochen hatte, dass ich nicht wieder zurück kommen würde nach den Feiertagen. Seine Anrufe und Nachrichten am nächsten Tag hatte ich ignoriert und eine Woche später war die Kündigung gekommen. Es war mir nur recht gewesen. Meine Eltern waren ein harter Brocken gewesen, aber auch das hatte ich mit Geduld und – wie sollte es anders sein – Musik geschafft. Sie begannen zu verstehen, was alles schief gelaufen war in der Vergangenheit. Sie hatten begonnen, mich zu verstehen. Heute war unser Verhältnis besser denn je. Nach zwei Jahren und mit viel Mut, Arbeit und einer großen Portion Glück, hatte ich es geschafft von der Musik leben zu können. Meine Freunde waren wieder Teil meines Lebens. Ich war nicht berühmt, ich war nicht reich, aber ich war erfolgreich genug. Ich war glücklich.

Nur Niklas hatte ich nie wieder gesehen. Ich hatte wochenlang nach ihm gesucht. Wäre Doro nicht gewesen, hätte ich geglaubt, ich hätte mir alles nur eingebildet. Aber auch sie hatte ihn nicht mehr gesehen. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Was immer ich auch geglaubt hatte, dass die Begegnung mit dem alten Niklas hatte bedeuten sollen, das Schicksal musste sich geirrt haben. Dieses Leben mit ihm, von dem er gesprochen hatte, schien einer Anderen zu gehören. Oder vielleicht hatte ich doch die falschen Schlüsse gezogen. Ich wusste es nicht. Es war ein Schmerz, den ich noch immer mit mir trug aber er wurde erträglicher. Eines Tages würde ich ihn vielleicht nur noch als Erinnerung betrachten können, die mich einmal zu dem Leben geführt hatte, das für mich vorgesehen war und mir den Mut verliehen hatte, diesen Weg auch zu gehen. Melancholisch seufzte ich und betrachtete die glitzernden Lichter um mich herum.
Auch diesen Zauber hatte ich wieder. Es war okay. “Komm schon, bummel nicht rum Elisa! Wir sind echt spät dran!”
Ich kehrte in die Wirklichkeit zurück und beschleunigte meine Schritte. Und dann hörte ich sie. Sie war noch immer so perfekt, so herzzerreißend schön wie an dem Tag, an dem ich sie das erste Mal gehört hatte. Ich sah mich um und suchte in der Menge auf der Straße hinter mir nach dem Ursprung der Melodie. Ich hatte diesen Moment ersehnt und geglaubt, wenn er jemals kam müsste mir das Herz aus der Brust springen. Aber ich war ganz ruhig. Ich schickte Joe vor und ging den Weg zurück. Suchend, lauschend.
Eine kleine Gestalt hob sich vor mir aus der Menge ab. Unbewegt, blond und mit einer dicken Wollmütze auf dem Kopf. Es war nicht einen Tag älter geworden. Wie das sein konnte, fragte ich schon lange nicht mehr. Ich nahm es an, wie es war. Dieses Mal wich es nicht zurück. Das kleine Kind, das vor so vielen Jahren mein Leben verändert hatte, stand einfach da und lächelte mich an. Nah vor ihm blieb ich stehen und kniete mich zu ihm. Es streckte die kleine Hand aus und als sie mein Gesicht berührte, war sie warm und weich. “Elisa – du bist ihr gefolgt. Du glaubst wieder!”. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich hätte “Danke” sagen können, aber das schien mir unzureichend. Während ich noch nach Worten suchte, stellte sich das Kind auf die Zehenspitzen, küsste mich federleicht auf die Wange, drehte sich um und verschwand. Ich bleib noch kurz mitten in der Menge auf den Knien sitzen. Ich wusste es hatte keinen Zweck, ihm zu folgen.

Schließlich richtete ich mich auf und in diesem Moment teilte sich die Menge. In einem Halbkreis standen sie vor einem Mann mit Saxophon. Er stand da mit geschlossenen Augen und spielte die Melodie, die ich besser kannte als alle anderen. Ich konnte mich nicht bewegen und hörte ihm zu, bis er endete. Die Leute gingen weiter und Niklas hob den Kopf. Er sah mich direkt an, so als hätte er die ganze Zeit über gewusst, dass ich dort stand. Wir gingen aufeinander zu und ich wusste, dass ich mehr wiedergefunden hatte als ihn. Es war meine Zukunft, die genau jetzt begann. Nah voreinander blieben wir stehen. Er griff nach meinen Händen und lächelte mich an. “Ich hoffe du bist nicht vorbei gekommen weil dir eingefallen ist, dass ich noch immer nicht für deinen Pullover bezahlt habe!?”.  Aus tannengrünen Augen blickte er mir in die Seele und etwas weiches und kaltes landete auf meiner Nasenspitze. Es hatte begonnen zu schneien.

You Might Also Like...

No Comments

    Leave a Reply