Mee(h)r im Herzen
...meehr Gedanken

Relativitätstheorie

Es ist Sonntag. Der erste Sonntag im Februar. Ich hasse diesen Monat. Vor dem Fenster ist es grau. Der Tag ist so lang, obwohl er schon nach gefühlt vier Stunden zu Ende ist. Rausgehen ist irgendwie keine Option, denn es ist stürmisch und kalt. Ein paar Flocken taumeln vom Himmel. Aber sie bleiben nicht liegen. Dafür ist es dann wieder zu warm. „Das ist genau das, was ich am Februar nicht leiden kann! Der Winter ist zu lang, der Frühling noch zu weit weg!“, brummele ich genervt in meinen eisgrauen Winterbart. Ehrlich – heute hängen mir die Mundwinkel bis zu den Füßen. Nichts ist mehr gut. Ich durfte heut bis um 10.00 Uhr schlafen, aber davon habe ich Kopfschmerzen bekommen. Das gemeinsame Familienfrühstück war zu kurz, weil der kleine Herr nur eine halbe Stunde vom Marmelade aufs Brötchen schmieren gefesselt wurde. Toll – dann wollte er auch noch raus in diesen weißgrauen Hybridwinter. Nach einer Weile im Garten spielen, schlage ich vor eine Runde spazieren zu gehen und bereite mich schon mal darauf vor, den kleinen Nervklops die Hälfte der Strecke tragen zu müssen. Fröhlich wischt er den nassen Schnee von den am Straßenrand stehenden Autos. Es scheint ihm Spaß zu machen, aber wir haben noch nicht mal den Feldrand erreicht, da wird auch schon wieder gequakt. „Mama nimm mich auf den Arm, mir ist so kalt!“. Toll – Bandscheibenvorfall lässt grüßen, als ich mir seine 15-Kilo-Haftigkeit auf die Hüften hebe. Er verrät seine Eisfinger an meinem Hals und wir gehen nach Haus. „Wunderbar – jetzt auch noch den ganzen Nachmittag Kindertainment in der chaotischen Bude, die der Angetraute natürlich nicht aufgeräumt hat. Warum kann ich nicht einfach gaaaaaaaaaaaanz weit weg sein?“ schimpfe ich innerlich und schaue ergeben in den grauen Winterhimmel, aus dem es schon wieder zu grieseln beginnt. Die Schneeschuhe hinterlassen matschige Pfützen in der Küche durch die wir unsere Wohnung in der Regel betreten. „Ich will ein Eeeeeeeeeeeeeeeis!“, kräht der Junior, der eben noch halb erfroren war. Ausgewogene Ernährung soll ja was Feines sein. Aber ich habe keine Laune zum Diskutieren. Soll er doch.

Was könnte ich denn mit diesem gruseligen Tag noch anfangen, frage ich mich, während mein Mann die erste Spielschicht übernimmt, weil er an meinen Merkel-Gedächtniss-Mundwinkeln gleich die Stimmung abgelesen hat, als ich zur Tür reinkam? Noch ein Insta-Foto für morgen? Nach fünfzehn Minuten trübsinnig, unentschlossenem vor mich hin Starren, rappel ich mich auf und zieh mir eine Jeans an. Das habe ich zumindest vor muss aber feststellen, dass ich den Reisverschluss nicht mehr zu bekomme. Toll – jetzt lebe ich schon seit Monaten so gesund und die Quittung dafür sind Speckrollen die über die schöne Größe 38 hängen? Spitze! Kann dieser Tag noch mieser werden?

Kann er! Junior schläft ein! Um 15:40! Und wird erst über eine Stunde später wieder wach. Dann ist wieder spielen angesagt. Zwischendurch immer mal der Versuch, was aufs virtuelle Papier zu bringen. Aber auch das scheitert. Es starrt mich jedes Mal ein weißes Dokument an, auf dem der Cursor munter vor sich hin blinkt, als wolle er mir die Zunge rausstrecken. Ich gebe es auf. Bin so frustriert, so genervt. Werde meine Unzufriedenheit bei meinen beiden Instahasen los. „Bist du glücklich im Moment?“ fragt Friederike. „Grundsätzlich? Schon ja!“ antworte ich und denke „Glücklicher wäre ich, wenn ich mich in mein Auto setzen und einfach ohne Stop bis zum Meer fahren könnte – eines das weit weg ist! Von alldem hier!“ Aber das kann ich nicht. Ich bin nicht mehr 20, gazellenbeinig und ungebunden. Ich bin fast 33, Mama und bekomme meine scheiß Jeans nicht mehr zu. Ich seufze und wende mich dem Vorabendprogramm zu. Nicht dem im Fernsehen. Nach stundenlangem Plastikfigürchen vertonen („Mama, das Auto muss sprechen!“), drei Wutanfällen und hundert Folgen „Mein kleines Pony“ ist es so weit. Schlafenszeit für den Räuber. Ob das funktioniert?

Auf Insta noch schnell reinschauen, während der Papa mit Engelsgeduld Krümel die Zähne putzt. Was ist heut los? Aus der Menge tritt ein Hashtag heut hervor #weltkrebstag.

Den nehme ich mit ins Bett. Die Bücher sind gelesen, das Licht erloschen. Ben will auf meinem Bauch einschlafen. Das dauert natürlich lange. Aber plötzlich bin ich nicht mehr genervt, weniger motzig. „Alle 15 Minuten erkrankt ein Mensch an Blutkrebs“, schießt mir durch den Kopf. Und das ist ja nur eine Art denke ich. Ich denke an Kim. „Ärgere dich nie länger als 5 Minuten über etwas, das in fünf Jahren keine Rolle mehr spielt!“. Meine Güte, wäre sie heut stinkig auf mich. Ich denke an Mia. Die sich jeden Tag aufs Neue fragt, wie lange sie ihren Sohn wohl noch zu Bett bringen kann. Meine Brust wird eng, meine Augen brennen.

Heut morgen wachte jemand mit Kopfschmerzen auf, genauso wie ich. In einer Woche, wenn ich meine bereits vergessen habe, wird bei ihm vielleicht ein Hirntumor diagnostiziert. Während meines „zu kurzen“ Familienfrühstücks, sind laut Statistik zwei weitere Menschen an Krebs erkrankt. Während ich zeternd durch den Schneematsch stampfte, begrüßt jemand anderes vielleicht jede Schneeflocke mit einem glücklichen Lächeln, in dem Wissen, dass es sein letzter Winter sein kann.

Während ich darüber fluchte, wie schwer mein Kind geworden ist, verzweifelt eine andere Mutter, weil sie ihr Kind nicht mehr wird tragen können, weil die Chemo sie zu sehr schwächt. In einem anderen Kinderzimmer bleiben Autos und Spielzeuge unangetastet, weil sein kleiner Besitzer einen Kampf verloren hat, den er niemals hätte führen sollen. Was würde seine Mutter geben, einem Spielzeugauto ihre Stimme zu leihen, damit ihr Kind sich freut?

Eine andere Frau steht vor dem Spiegel. Ihre Hose passt nicht mehr. Nicht weil sie zu wenig Sport gemacht oder zu gut gegessen hat. Die Medikamente, die ihr Leben retten sollen, schwemmen sie auf. Traurig legt sie sie in den Schrank zurück „Eines Tages wieder, wenn das hier vorbei ist!“, flüstert sie sich kämpferisch zu und versucht, sich selbst die Zweifel nicht hören zu lassen.

Ben ist eingeschlafen, seine warmen Finger halten meine umklammert. Ich schnuppere an seinen Haaren und möchte nicht aufstehen. Nicht gehen. Bloß niemals gehen müssen. Ich bin wieder ok mit dem Tag, denn ob er scheiße war oder nicht ist eindeutig relativ.

„Bist du glücklich im Moment?“ – Scheiße JA! Das bin ich. Ich. Bin. Gesund.

***

Liebe Leute,

es kann uns alle treffen zu jeder Zeit. Zum Glück muss man nicht immer tatenlos bleiben. Wir können helfen. Jeder von uns. Ein Freund von mir wurde vor Kurzem zum Lebensretter. Sein genetischer Zwilling brauchte ihn.

Ich bin seit 7 Jahren bei der dkms registriert. Meinem Zwilling geht es zum Glück offensichtlich gut. Sollte es mich mal erwischen hoffe ich, dass er ebenfalls da sein wird. Registriert euch! Bitte – es ist so einfach. Hier findet ihr den direkten Link.

Wenn ihr das nicht wollt könnt ihr auch anderweitig helfen. Spenden für Forschung oder Unterstützung der Erkrankten sind ebenso eine große Hilfe. Ein paar Möglichkeiten findet ihr hier:

https://www.dkms.de/de/geld-spenden

https://www.kinderkrebsstiftung.de/spenden-helfen/spenden.html

https://www.dkfz.de/de/spenden/index.html?campaign=hpDeSpende

Damit ihr nun nicht nur mit negativen Gefühlen hier raus geht, noch eine wahre Mutmachgeschichte. Auf dem Blog meiner lieben Joanna, hat ebenjene oben erwähnte Friederike ihre Geschichte geteilt. Sie lebt! Noch immer! Sie hat gewonnen. Lest selbst, den Beitrag findet ihr hier.

Bleibt gesund und liebt das Leben – auch die grauen Februartage!

 

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