Mee(h)r im Herzen
...meehr Karma

Warum (nicht)?

Ich habe lange, sehr lange gezögert und überlegt, ob ich hierüber schreiben möchte. Ob es mir nicht zu persönlich ist. Ob es nicht anmuten könnte, als wäre ich nun ein missionierender Weltverbesserer. Darum trage ich diesen Gedanken nun schon länger mit mir herum. Heut habe ich das Gefühl, ich möchte meine Gedanken teilen.

Vor zwei Jahren entschloss ich mich dazu, Vegetarier zu werden, vor einigen Monaten beschloss ich den – für mich – folgerichtigen Schritt zu gehen und vegan zu leben. Bitte lest weiter, muss ich euch an dieser Stelle zurufen, weil ich nicht möchte, dass ich euch verliere. Ich möchte euch NICHT bekehren. Es soll hier auch eigentlich gar nicht direkt um Veganismus gehen. Zudem denke ich, dass man eh nur Sensibilität schaffen kann, nicht aber eine komplette Einstellung und darum möchte ich Abstand nehmen von einer Pro oder Kontra Liste, bösen Fakten oder gar einer „Ich bin jetzt besser als du” – Botschaft. Genau die jedoch kam bei mir früher oft an, wenn jemand mir erzählte, er wäre vegetarisch oder gar vegan. Instinktiv versuchte etwas in mir, mich zu rechtfertigen. Ich fühlte mich sofort angegriffen. Vielleicht sogar, weil ich mich ertappt fühlte?! Weil etwas in mir wusste, dass da etwas für mich nicht richtig läuft? Ein Problem, das eindeutig bei mir lag und nicht bei meinem Gegenüber. Ein sarkastisches „Mhhhhhh lecker!“ wenn der Satz „Die armen Tiere“ fiel. Mehr aus Trotz, als aus Überzeugung. Ich war nicht „überzeugt“ von meiner Art zu leben. Ich lebte sie eben einfach. So, wie ich sie kannte. Was anderes bleibt uns Menschen ja zunächst mal auch nicht übrig. So lang der Horizont das kleine Dorf am Stadtrand, die Eltern und Freunde umfasst, die ähnlich leben, so lange die Welt mit ihren unendlichen Facetten noch nicht eindringt in den Kopf, der sowieso mit anderen Dingen beschäftigt ist, ist das alles, was wir an Kompass haben.

Aber irgendwann, reichte mir ein „Is nun mal so!“ nicht mehr. Und ich glaube, das ist ein Punkt, der das größte Problem unserer Welt darstellt. Was schief läuft ist ein Mix aus Gier, Egoismus, Bequemlichkeit und dem Todesstoß für den gesunden Menschenverstand – dem allgegenwärtigen „Das war schon immer so!“.

Aber- so ist das Leben nicht. Es war NICHT schon immer so und es wird in fünf, in zehn Jahren nicht das sein, was es heute ist. Das ist gut, das ist wichtig. Ich möchte nicht überzeugen von dieser oder jener Art zu leben, nicht gegenüberstellen, was richtig und was falsch ist. Natürlich habe ich dazu eine Meinung, aber sie ist genau das – nämlich meine. Solche Entscheidung sind sehr persönlich und sie können, sie dürfen nicht herbeigeführt werden, sie müssen passieren.

Warum aber – und das war vielleicht der erste meiner Schritte, erst mal in Gedanken – fühlte ich mich oft angegriffen, von Menschen, die es anders machten. Warum immer ein wenig schuldig? Weil ich schon wusste, dass da etwas nicht mehr so läuft, „wie es immer war“? Weil ich wusste, dass zu mir nicht mehr passt, was ich gelernt hatte?

Es geht hier nicht nur um Ernährung, nicht um diese oder jene Sicht auf die Welt. Es geht um etwas ganz Anderes. Nämlich um das „Warum?“ oder auch um das „Warum nicht?“. Darum Bequemlichkeit nicht auf Kosten einer besseren Welt den Vorzug zu geben. So begann ich zu hinterfragen was ich wusste und in mich hinein zu hören, was dieser Weg mit mir machte. Und das war gut, das zu tun. Das fühlte sich für mich richtig an. Ja,  ich würde sogar so weit gehen zu sagen, etwas in mir wurde glücklicher. Ich wurde von einem Mädchen, das früher beim Raclette eine bis zwei Packungen knusprig gebratenen Speck allein auffutterte und mit fettigem Mund selig seufzte „Niiiiiiiiieeeeemals könnte ich ohne Fleisch leben!“ zu einer Frau, die versucht, die Tatsache, dass sie in eine Spezies geboren wurde, die durch Zufall zur „Herrschaft“ auf dieser Welt gekommen ist, nicht als Rechtfertigung zu betrachten, diese willkürlich und ausschließlich zu meinem Vorteil einzusetzen. Es geht also um mein Spiegelbild. Das sprichwörtliche. Jeden Tag. Wenn ich mir selbst in die Augen schaue und frage: Passt das noch zu mir? Bin ich das noch? Habe ich darüber genug nachgedacht? Kann ich das besser machen?

Ja, ich kann nicht die Welt im Alleingang retten. Aber ich kann sie verändern. Auf meine Weise. Ich kann Verantwortung übernehmen für mein Handeln und es nicht auf verstaubte Traditionen schieben, die nicht das Papier wert sind, auf dem sie stehen. Das ist der Punkt an dem mein, doch recht ausgeprägter, Egoismus endet. Ja, für eine Baustelle die geschlossen wird, werden drei neue geöffnet. Das ist richtig. Aber das ist kein Grund die Hände in den Schoß zu legen, nach der Mettwurststulle zu greifen und zu sagen „Hier können wir erst mal sowieso nix machen!“. Ich kann mich um das kümmern, was ich unmittelbar erreichen kann. Und das ist universell auf Alles im Leben anwendbar.

Ich bin noch nicht da, wo ich hinmöchte. Ich tue mich noch schwer damit, komplett vegan zu leben. Das liegt daran, dass Muster die einmal im Kopf verankert sind, äußerst schwer zu verändern sind. Es sind stabile Vernetzungen aus Argumenten und Werten, die so fest geknüpft sind, dass sie sich nicht einfach so lösen lassen. Das ist okay. Wir brauchen solche Fäden zum Überleben. Wenn ich fühle, dass sie für mich falsch sind, muss ich sie nicht von heut auf morgen komplett loswerden. Das geht unter Umständen auch gar nicht. Da muss ich eben eine nicht ganz unbeträchtliche Menge an Geduld mitbringen, mit mir und auch mit Anderen. Oft fällt es dem Umfeld doch überraschend schwer, Veränderungen zu akzeptieren, die nicht ins eigene Weltbild passen. Hat man aber einmal eine Wahrheit für sich erkannt, ist sie so selbstverständlich und unter Umständen so lebensverändernd, dass es sehr schwer ist, nicht durch die Menge zu rennen und jeden wachrütteln zu wollen. Das ist vermutlich der schwerste Teil daran. Anderen nicht ihr Leben schlecht zu reden, weil ich für mich erkannt habe, dass es nicht gut ist. Denn am Ende steht mir gar nicht an, dieses Urteil zu fällen.

Das will ich auch gar nicht. Was ich aber will – oder eher, was ich mir wünsche ist, dass mehr Gedanken von uns weg zu allem um uns herum gehen. Nachspüren und genau hinschauen. Denn das verändert dich unmittelbar. Wenn du dich immer wieder fragst, warum du etwas tust oder warum nicht, kann es eines schönen Tages sein, dass die Antwort dir nicht mehr passt. Dass sie juckt und kratzt, wie ein eingelaufener Wollpulli. Das kann der Moment sein in dem du feststellst, dass du gerade auf einem Stück Leiche herumkaust. Egal, ob es schmeckt oder nicht, vielleicht erkennst du, dass zehn Minuten Genuss kein Leben wert sind. Vielleicht trägst du eines Morgens Make-Up und Eyeliner auf und nachdem die künstlichen Wimpern perfekt an Ort und Stelle sitzen, schaust du in den Spiegel und erkennst dich nicht mehr. Du wischst dir über Augen und Lippen und bist befreit und mehr bei dir, als du es gestern warst. Vielleicht fühlst du eines Tages eine Schwere an der Kasse die so unerträglich wird, dass du dich fragst woher sie kommt und dann feststellst, dass es nicht du bist, sondern das 5€ Shirt in deiner Hand. Vielleicht schaust du eines Tages unverhofft in ein Gesicht mit dem du nie gerechnet hättest und deine Welt steht Kopf, weil du erkennst, wie viele Formen die Liebe haben kann neben denen, die dir als „normal“ beigebracht wurden. Vielleicht stehst du eines Tages da, hinter den bodentiefen Fenstern deines Büros, dass du nach der Beförderung bezogen hast. Unten auf der Straße ein klappriger, mit Plakaten behängter Kampagnentisch von Umweltaktivisten und du fühlst, dass du nichts lieber tun würdest, als dein 6-stelliges Jahresgehalt, gegen den Sinn zu tauschen, der da vor dem Fenster im Regen mit so viel Leidenschaft brennt.

Was ich also sagen will ist: egal ob es um Ernährung geht, um deine Sicht auf Andere, auf die Welt, um Politik, ja, sogar um Glauben –  bleib nicht wo du bist, erst recht nicht aus Bequemlichkeit oder Tradition (ohne diese hier schlechtreden zu wollen… Tradition jetzt, nicht Bequemlichkeit – gute Güte, man muss aber auch an alles denken 😊 ) Lass Fragen zu, miese Gefühle bei einer Sache, geh ihnen nach und sag niemals wieder „Das war schon immer so!“. Denn das ist ziemlich unwahrscheinlich. Das kann anstrengend werden und schmerzhaft. Aber wenn es sich trotzdem richtig anfühlt, ist es jede Mühe und jede Träne wert. Dann kannst du zu dem besten Menschen werden, der du für diese Welt sein kannst und dann ist es dir auch egal, was andere davon halten.

Ich würde gern sagen, „Ich will ja kein Weltverbesserer sein!“ – aber das stimmt nicht. Denn das möchte ich. Ich möchte die Welt eines Tages verlassen in dem Wissen, dass ich mein Verhalten immer überdacht habe, nicht stehen geblieben bin, an jeden und alles zumindest hin und wieder gedacht und in meine Lebensweise mit einbezogen habe. Ich möchte nicht stehen bleiben. Ich möchte mich bewegen. Das muss nicht groß sein, das muss nicht episch sein und ich muss dafür nicht den Friedensnobelpreis erhalten. Es muss aber bei mir anfangen. Bei meinem Gefühl, das mir sagt, dass etwas nicht stimmt. Dass etwas besser gehen muss. Das fängt an bei dem Flüstern in meinem Kopf, dem ich zuhören sollte –

„Warum (nicht)?“

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