Mee(h)r im Herzen
Gedanken & Geschichten

Nachtluft und Beton

Mainacht! Es ist 23.00 Uhr. Meine Hand über dem Treppengeländer fliegend, hüpfen die schwarzen Chelsea Boots an meinen Füßen die Stufen des Hauses in der Frankfurter Innenstadt hinunter, in dem ich zu Besuch war. Bis hinaus auf die nachtstille Straße, auf der aus dem Brummen und Hupen des hektischen Tages ein sanftes Rauschen geworden ist.

Einzelne Autos, deren Scheinwerfer sich kaum von den Laternen und Ampellichtern abheben, sogar das Geräusch der Fahrradreifen auf dem Asphalt kann man hören, begleitet vom Flüstern der maigrünen Kastanienbäume, deren frische Farbe im Schatten der Nacht dunkelgrau leuchtet. In diesem Teil der Stadt, sind kaum Menschen unterwegs! Ich laufe quer über die Straße und springe mit ein wenig Übermut und dem freudigen Kribbeln einer lauen Frühlingsnacht im Bauch auf den Kantstein der Straßenbahnhaltestelle! Vier Minuten bis zum nächsten Zug! Ach, denke ich – warum beeilen. Draußen, ein paar Kilometer vor der Stadt, liegt meine Familie zufrieden schlummernd im Bett! Ich habe Zeit, niemand wartet auf mich! Ich werde laufen! Die Nase im Stadtwind gehe ich zügigen Schrittes die Friedberger Landstraße in Richtung Konsti! Den Blick aufrecht, immer den Rücken gerade und die Schultern locker! So hat es mir meine Mama tausend mal eingebläut! “Seh niemals ängstlich aus, wenn du Nachts unterwegs bist!” Ich habe keine Angst! Die Stadt war mein zu Hause! Ich kenne sie, ihr Rhythmus ist mir vertraut! Aber was man sich einmal angewöhnt hat… Gefühlt nur ein paar Atemzüge aus kühlem Beton, gemischt mit den Dämpfen aus der U-Bahn und den Düften aus den Restaurants und Kneipen, bin ich schon da! Die Rolltreppen, wie silberne Schnecken, auf deren Rücken ich langsam abwärts gleiten kann in den Bauch der Stadt!

Ich will noch nicht! Eine Station kann ich noch laufen! Der Wind ist frisch, die Luft getränkt mit Gelächter. Die Zeil ist voller Menschen! Auch noch um kurz nach elf! Aus einer Seitenstraße kommen zwei Touristen. Die Koffer mit dem Gepäckanhänger vom Hinflug ziehen sie hinter sich her. Ihr Heimweg beginnt jetzt, ebenso wie meiner! Ihrer ist vermutlich bedeutend länger. Hier und da sitzen kleine Gruppen unter den Bäumen in der Mitte der, tagsüber so drängligen, Einkaufsstraße. Aus Lautsprecher tönt fremdsprachige Musik, ich glaube es als türkisch zu erkennen, aber ich bin nicht sicher! Schön klingt es und wehmütig! Nach Sommernächten im Süden, in denen Zeit verschwimmt in Musik und Wein und dem Hupen von Mofas!

Ein Pärchen kommt mir entgegen! Langsam bummeln sie vor sich hin, sie legt den Kopf auf seine Schulter, vertraut flüstern sie sich etwas zu und scheinen meilenweit weg von uns zu sein. Links neben mir schiebt eine junge Frau einen Kinderwagen durch die Nacht! Der vielleicht Dreijährige darin, hat ein Kissen auf den Beinen und quengelt vor sich hin. Kein Wunder, denke ich. Selbst ich bin schon totmüde. Ich laufe weiter Richtung Hauptwache und fühle mich seltsam, als würde diese Welt in einem Kosmos bestehen, zu dem ich nicht gehöre – oder nicht mehr, nicht so wie früher! Zwischen den Bäumen sitzt eine Gruppe Punks mir entgegen kommt eine Schar junger Menschen, die sich über das Theater unterhalten, im Vorbeigehen schnappe ich ein paar Worte auf. Zwei Welten nur Zentimeter voneinander entfernt, die Ränder seltsam überlappend in diesem Schmelztiegel an Schicksalen, Lebensweisen und Kulturen.

All das beobachtet von Schaufensterpuppen in Kaufhausscheiben, hinter denen morgen früh ab neun Uhr wieder das Versprechen auf ein perfektes Leben verkauft wird! Aus dem Schaufenster einer Dessouskette lächelt mich Xenia bezaubernd an und möchte, dass ich morgen vielleicht wieder komme und ihren Bademantel kaufe. Wie merkwürdig, denke ich. Der Kontrast zwischen ihr und dem Obdachlosen, der ein Schaufenster weiter mit gesenktem Kopf sitzt, könnte nicht größer sein! Sie darf da hinter dem Sicherheitsglas stehen und perfekt aussehen. Auf dem Foto das Leben führen, dass sich wohl jeder wünscht… Oder nicht? Ich zumindest bin gerade sehr glücklich damit, an ihr vorbei laufen zu können und Teil dieser Welt zu sein! Aber ein bisschen, denke ich, ein bisschen fühle ich mich auch, wie die Schaufensterpuppen und kann mein Gefühl von vorhin damit perfekt greifen!

Denn ich lebe hier nicht mehr, ich bin nur Gast im Concrete Jungle! Darf zusehen hinter meiner Glasscheibe aus Gedanken, beobachten und Worte formen! Vielleicht, überlege ich mir, schreibe ich eine Geschichte über meinen kleinen Abendspaziergang durch die Stadt. Gleich, wenn ich auf die S-Bahn warte, die mich wieder aufs Land hinaus bringt.

Angekommen an der Hauptwache steige ich auf die silbern glänzende Rolltreppe, die scheppernd hinunter fährt. Ein letzter Blick auf den gelb erleuchteten Bankturm, der wie ein goldener Dorn in den samtschwarzen Himmel ragt, ein letzter tiefer Atemzug Stadtluft! Für heute ist es vorbei und die Stadt und ich wir nehmen Abschied und lösen uns aus der Umarmung! Schön, dass du da warst – Danke für die Einladung!

Nach kurzem Fahrtweg, steige ich weiter draußen aus, kein stiller Beobachter mehr hinter Sicherheitsglas! Die Stadt ist nur noch ein orangefarbenenes, fernes Leuchten am Nachthimmel. Hier duftet es nach Kiefern und Flieder, nach Erde und grünen Feldern! In den dichten Baumkronen rauscht der Wind und heißt mich willkommen zu Hause. Hinter mir fährt die S-Bahn wieder an und in ihrem Fahrtwind trägt sie eine letzte Spur Nachtluft und Beton zu mir herüber…

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3 Comments

  • Reply
    Inga
    11. Mai 2018 at 22:45

    Was für ein schöner Text – superschön geschrieben (wie immer) und ich kann’s so gut nachvollziehen, genauso geht es mir wenn ich aus Düsseldorf wieder nach Hause komme 😊.

  • Reply
    Alex-
    11. Mai 2018 at 23:38

    Schöner Text meine liebe….
    Gute Nacht 😘

  • Reply
    Viddy
    12. Mai 2018 at 8:59

    Hach, ich hab mich in deinen Worten verloren.

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