Mee(h)r im Herzen
Thirty something

Neben dem Moment

Die sommerwarme Straße gleitet unter uns dahin. Draußen neigen die goldenen Ähren die Köpfe im leichten Wind, wippend zu einer Melodie, die niemand hört aber alle fühlen können.

Sanfte Hügel erstrecken sich vor der Windschutzscheibe. In sie geschmiegt kleine Dörfer mit vulkansteingefleckten Häusern. Ortsmitten mit harmonisch angelegten Blumenbeeten. Geranien und Stiefmütterchen prägen das Bild, in dem hinter Spitzengardinen um Punkt 12.00 die Salzkartoffeln mit Petersilie, dampfend auf dem Tisch stehen werden. So scheint es. Im flüchtigen Hinsehen klebt auf der Parkbank neben dem Schildchen, das dem aufmerksamen Beobachter verrät wer hier 50 Jahre lang immer gesessen hat, ein pink leuchtendes Graffiti. Ein rebellischer Farbklecks in der kontrolliert bunten Welt des Spießbürgertums. Jugend – Jugend ist überall und immer und sie fühlt doch egal wo das Selbe. Und als wir das Örtchen im Rückspiegel zurücklassen, scheint mir die Landschaft dahinter anders als eben noch.

Das hier, das ist die Welt in der Coming-of-age keine Geschichte ist, die in Berlin Mitte ein Endzwanziger schmunzelnd in der U-Bahn ließt und sich versucht daran zu erinnern, wie das noch mal war. Das hier ist die Kulisse in der 15-jährige ihre Sehnsucht nach sich selbst heimlich hinter der Turnhalle rauchen. In der Sommerhitze über staubige Feldwege wandernd, pappsüße 3,5% Alkohol mit Erdbeergeschmack in der Hand und gemeinsam darüber nachdenkend, wie die Welt hinter dem Horizont aus wogenden Getreidefeldern wohl aussehen mag. Eine Welt in der die Bowle beim Schützenfest dazu führt, dass auf vom Abendtau feuchten Graswiesen erste nasse Küsse getauscht werden und der Wunsch nach Aufbruch und einem Leben fern von Traktorbrummen und Gartenzwergen, leuchtend und aufrührerisch auf Parkbänke gesprüht wird.

Ich lächle meinem Spiegelbild im Seitenspiegel zu und stelle fest, dass die Welt so nicht mehr ist. Das war meine Jugend, das waren meine Gedanken, meine Erinnerungen und mein kleines Vergangenheitskino. Das würde heut gar nicht mehr laufen. Die Welt meiner Jugend ist nicht mehr die Selbe, wie die hinter den Ortsschildern der Vulkaneifel durch die ich gerade gedankenverloren brause, meine Zukunft munter plappernd auf dem Rücksitz. 

Mal wieder in der Vergangenheit verweilend, denke ich über mein Gestern nach. Ich liebe es, das zu tun. Ich bin ein hoffnungsloser Nostalgiker und muss lächeln, als die Playlist meine Gedanken mit dem passenden Soundtrack untermalt.

„Der erste Zigarettenrauch, dicht gefolgt vom Whisky-Rausch und die große Liebe, die man nie vergisst! Am Anfang wollte keiner weg, doch dann haben auch wir entdeckt, das Leben hinterm Ortsschild ist…!“

Ich bin ein Kind der 90er. Mein Kindheit und Jugend geprägt durch knallige Farben und quietschbuntes Kunstfell, Plastikblumen in den Haaren der Musikstars unserer Zeit. HipHop gegen Techno, Boybands und Kelly Family. Skaterschuhe und Dickie Hosen. Unnütze aber ungemein spaßige Dinge, wie Tamagotchis, Plastikschnuller in Bonbonfarben die klimpernd an unseren Eastpacks hingen. Egal wohin wir gingen ein Hauch Vanilla Kisses. Aus dem Radio puppenhafte Stimmen, Synthesizer oder das ganz große Gefühl. Drama in Noten, gezeichnet mit großen Gesten und vor Liebeskummer schmerzend geballte Fäuste, immer da wo es gerade regnete.

„Hipster ohne es zu wissen, große Brillen und Pudelmützen. Ich war dabei! Warst du dabei? … Und Musik gabs auf CD´s oder Kassetten, Liebesbriefe noch auf Zetteln. Willst du mit mir gehn? Ja, nein, vielleicht…“

Und irgendwie scheint meine Generation die nostalgischste von allen zu sein. Trotz der Modesünden aus neonpinkem Polyester, Tattooketten und Buffalos gibt es wohl kaum ein Jahrzehnt, das von seiner damaligen Jugend mehr und liebevoller, wehmütiger und mit sehnsüchtigem Lächeln verklärt und besungen wird. Wir halten fest und träumen. Von Zeiten, in denen wir Nichts „schnell mal googelten“, sondern das Modem uns noch seine verheißungsvollen Lieder vorsang, während wir mit wippenden Füßen darauf warteten, die Grenzen der Welt ins damals scheinbar Unendliche zu dehnen. Nachmittage bei Freunden, wir nannten das „Sit in“ und kamen uns wahnsinnig weltmännisch vor, während wir O-Saft aus dem Spar-Markt an der Dorfstraße mit geschmuggeltem Billigvodka tranken.

Vielleicht sind wir die Generation die den Wechsel in die digitalisierte Welt am intensivsten erlebt hat und der davor aus diesem Grund scheinbar am meisten nachtrauert.

„Die Bands deiner Jugend ham’ sich längst schon aufgelöst und die andern machen komischen Elektro… Der Grunge kommt sicher mal wieder und Oasis sind nicht tot und wir finden ein Rezept gegen das Alt sein. Gegen das Alt sein!“

Und während ich Ort für Ort vorbeiziehen sehe und den Zeilen lausche, die das Gestern feiern, frage ich mich wie es sein kann, dass wir so gern in der Vergangenheit wühlen aber gleichzeitig die Generation sind, die den vielleicht größten Fluch unserer Zeit erschaffen hat. „Lebe den Moment!“. Die Vorstellung aus jeder Sekunde des Tages das Meiste heraus holen zu müssen. Niemals zurückschauen dürfen und vom Morgen nicht träumen um nicht zu verpassen, was vor unserer Nase passiert.

Gestern war schließlich nicht alles besser und morgen ist ungewiss. Was bleibt, ist also das Heute. Dieser eine Moment, der nie wieder zurückkommt. Den zu verpassen haben wir zum Schlimmsten erklärt, was wir tun können. Der Moment muss genossen werden, um jeden Preis, auch um den des Genusses. So taumeln wir durch die Stunden auf der Suche nach den perfekten Minuten in denen wir nichts zu fühlen haben, als das große Glück, einfach zu sein. Ist das so? 

Ich denke an die Leben, die schon hinter mir liegen und die sich manchmal so dünn anfühlen wie Bleistiftstriche auf Butterbrotpapier. Durchgepaust, abgemalt von einer Welt, die nicht mehr da ist und manchmal so fern, als hätte sie nie existiert. Und weil das so ist, will ich sie nicht vergessen.

Die Jahre auf der Schulbank in denen morgens noch schnell die Hausaufgaben abgeschrieben wurden. In denen verstohlene Blicke durchs Klassenzimmer flogen, hin zu SEINEM Platz und errötend den Kopf aufs Matheheft gesenkt, wenn er sie erwiderte. Die ersten Abende mit kaltem Bier und einem Hauch Freiheit in der Nase, frierend auf dem Spielplatz am Dorfrand. Der Abend war zu kalt, aber alle waren da, also blieben wir. Die Welt schien noch weit weg aber rückte näher, während sie leise Versprechen in unser Ohr flüsterte. Diese kribbeligen Momente der Jungend in denen wir verstanden, dass sie uns offen steht und unser Leben gerade erst anfängt. All die Irrwege und Entscheidungen. Menschen am Wegrand, die ein paar Meter mit uns gingen und wieder verschwanden und dabei ein Stück aus uns heraus brachen oder eines von sich zurück ließen.

Die ersten Jahre an der Uni, die Weichen stellen aber noch auf Mauern tanzen. Im Inneren langsam zu dem Menschen werden von dem wir ahnten, dass wir so vielleicht bleiben werden, ja sogar sein möchten. Illustre Gespräche über den Sinn des Lebens, den Schmerz der Welt, hinausgepustet mit Zigarettenrauch in den Sommerhimmel über dem Fluss, gefunden auf dem Boden eines Rotweinglases.

Ich mag das Gestern. Ich mag durch den Tag laufen und Erinnerungen begegnen. Ja, der Moment macht oft glücklich. Aber manchmal auch das träumen von morgen oder das Echo von gestern. Wenn mich Schmerz einholt wie ein unerwarteter Schlag in die Magengrube, weil ich mich an einem Ort wiederfinde, den ich lange mied und mir plötzlich wieder einfällt wieso. Die Worte des Abschieds noch im Ohr. Wenn mich das Flüstern der Wellen wieder erinnert, an eine Sommernacht am Strand und leise gewisperte Versprechen, die nie wahr wurden aber mich in diesem Moment glücklicher machten, als alles zuvor. Wenn ich einen Artikel lese und plötzlich die Worte vor meinen Augen verschwimmen weil ich zurück reise zu dem Moment, in dem ich mich mit ihr in einem Seminar wiederfand. In einem bunt zusammengewürfelten Haufen Studienanfänger, nicht ahnend, dass sie zu einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben werden würde.

Düfte und Melodien, Geräusche und Winkel. Schließlich leben wir heute nur so wie wir es tun, weil wir diese Vergangenheit haben. Hin und wieder zurück zu blicken und zu schauen woher wir kommen festigt und bestätigt oder lässt zweifeln, lässt lernen aus Fehlern die wir vermutlich nicht mehr machen werden.

Ich halte Nostalgie für unglaublich wichtig und vielleicht hätten wir manchmal mehr vom Leben, wenn wir auch mal zulassen würden, eben nicht im Moment zu leben. Denn das schafft auch Ansprüche. Und zwar solche, die sehr oft eher enttäuschen als beflügeln. Wenn der Moment perfekt sein muss und insgeheim darauf geprüft wird, ob er auch wirklich genug gelebt wurde, ist das nicht dann ein Widerspruch in sich? Ist Leben, wirklich voll und ganz leben, nicht etwas mehr Treiben lassen und weniger Planung? Und wenn der Sog dich in die Vergangenheit zieht, sollst du dort nicht vielleicht ein wenig verweilen? Wenn wir nie an Übermorgen dächten, würde unser heute dann Sinn machen?

Schließlich ist der Moment die Erinnerung von Morgen und wenn wir nie nach vorne blickten kämen wir auch niemals irgendwo an.

Aus einer Seitenstraße biegt, auf einem auf Vintage gestylten Fahrrad sitzend, ein junges Mädchen auf unsere Straße ein und fährt ein wenig neben uns her. Die Jeansshorts so kurz, wie man sie nur mit 15 tragen kann, die Haare locker zusammengebunden. Wir sind schneller und sie bleibt zurück. Im Rückspiegel kann ich noch sehen wie sie anhält und kurz drauf drei Andere bei ihr halten. Nach Küsschen links und rechts, fahren sie weiter. Mit Sicherheit denken sie in ein paar Jahren an die Sommer mit 15, in denen sich die Träume der Zukunft in den Moment mischten und zu Erinnerungen von morgen wurden, die nach warmen Getreidefeldern duften, nach einer heimlich geteilten Zigarette und Geranien am Dorfbrunnen.

„Wir haben viel erlebt, ne Geschichte, die uns ewig bleibt. Und haben viel gesehen, dass es gut für Hundert Leben reicht. Ohne unser Gestern, würd ich mich heut nicht so auf morgen freu´n.“

 

***

Lyrics:

“Hundert Leben” – Johannes Oerding

“Bands deiner Jugend” – Revolverheld

“Kinder der 90er” – Kuult

You Might Also Like...

2 Comments

  • Reply
    Friederike
    25. Juni 2018 at 12:38

    hach… immer wieder eine Zeitreise. Oder Reise. Du weckst innen drin etwas. Daher nehme ich mir so gerne Zeit deine Zeilen in Ruhe zu lesen.

  • Reply
    Inga
    25. Juni 2018 at 18:48

    Gott, bist du gut. Kannst du bitte bitte bitte ein Buch schreiben?

Leave a Reply