Mee(h)r im Herzen
Sonntagsgeschichten

Ein Mittelspurmärchen

Auf der Autobahn in der Mitte Deutschlands. Es ist noch nicht lange her, nur ein paar wenige Wochen. Die Felder sind schon abgemäht, die Blätter am Straßenrand bereits verfärbt. Durch den nahenden Herbst oder die letzten Strahlen der brennenden Augustsonne, vermag ich nicht zu sagen.

Den Fuß auf dem Autositz nah an den Körper gezogen und den Kopf aufs Knie gestützt, schaue ich aus dem Fenster. An mir vorbei fliegen Bäume und Büsche. Die Kilometerschilder der Autobahn und die Autos, die wir hinter uns lassen. Da plötzlich, auf der rechten Spur neben uns, ein kleines Auto. Marke Schuhkarton. Es ist quietschgelb und gibt sichtlich alles, um auf die 100 km/h zu kommen. Es ist kastenförmig, stammt aus einer Zeit, in der Autos noch pures Fortbewegungsmittel waren. Als sie noch keine stromlinienförmigen, eleganten Körper besaßen, sondern nur zwei Türen, scharfe Kanten und Ecken. Die Art Fahrersitz, die mit einem knarzenden Ruck nach vorn gelegt wurde, sollte jemand auf der hinteren Bank Platz nehmen wollen und mit einem dünnen Lenkrad, aus hartem Kunststoff. Ohne Lederbezug, ohne Polsterung, ohne ChiChi.

Hinter eben jenem Lenkrad sitzt ein wuscheliger Lockenkopf, aus dem eine scharfe Nase hervorschaut. Die Hände am Lenkrad halten das Auto fest im Griff. Der Blick weicht keinen Zentimeter von der Straße. Die Frau zu der Locken, Nase, Hände und Blick gehören, trägt einen roten Wollpullover und einen grauen Schal. Wir fahren eine Weile nebeneinander her, die Autobahn ist voll. Mal verliere ich sie aus den Augen, dann müssen wir wieder bremsen und sie begleitet mich wieder ein paar Meter.  Ich lächle jedes Mal, wenn ich sie wieder sehe. Sie und ihr gelber Wagen wirken hier auf der Straße zwischen schneidigen BMWs und Audis, den großen LKW die Europas Länder an den Reifen tragen und den Kombis und Multivans, die auf dem Weg zu ihren Urlaubszielen oder Einfamilienhäusern sind, so fehl am Platz wie ein Gänseblümchen inmitten eines Beetes von Rosen und ist doch ungleich schöner. Die Besonderheit und Verschrobenheit von Auto und Fahrerin berühren mich auf eine Art und Weise, wie es der Duft nach Kaminfeuer und Weihnachtsplätzchen tut.

Nach einer Weile, irgendwo zwischen Göttingen und Northeim, nimmt der kleine gelbe Wagen die Ausfahrt und ich muss den Impuls unterdrücken, hinterher zu winken. Wir fahren weiter, mit 140 Richtung Hannover. Kilometer um Kilometer trägt das Auto mich vorwärts. Meine Gedanken aber schweifen ab, kehren zurück zu dieser Abfahrt und folgen dem kleinen gelben Auto. Hinunter von der Autobahn, in eine scharfe Kurve, ein paar weitere Windungen und schließlich zur ersten roten Ampel, an der es fast erleichtert stoppt. Die Hände am Lenkrad schütteln sich kurz aus, die Geschwindigkeit auf dem 7ner Asphalt, ist nichts für sie. Auch hier ist es noch wuselig. Die Autos, die mit ihr abgefahren sind, beginnen sich zu sortieren und zu verteilen, zerstreuen sich, um dann irgendwo in der Stadt oder einem nahen Vorort kleben zu bleiben. Sie schlängelt sich und ihren kleinen Wagen hindurch hindurch. Durch die breiten Straßen, mit ihren Spitzensäumen aus Autohäusern, Netto und Lidl und hier und da einem Warenlager der großen Industrie. Aus dem alten Autoradio mit Kassettenschlitz klingt leise Alanis Morissette im Hintergrund.

Städchen folgt Stadt, immer weiter entfernt sie sich von der Pulsader des Autoverkehrs, bis die erste Ortschaft auftaucht, in der weniger Discounter und mehr Straßenstände zu finden sind. Nur noch wenige Ampeln bremsen ihre Fahrt. Die Schultern werden weicher, der Blick schweift langsam umher, die Hände am Lenkrad lassen endlich locker. Die Sonne steht mittlerweile schräg über den abgemähten Feldern zwischen den Dörfern, die bald zu Örtchen werden. Schließlich, das letzte Ortsschild im Nacken, kommt lange nichts mehr. Das kleine gelbe Auto fährt allein auf einer schmalen Allee aus Silberpappeln. Dahinter sanfte grüne Hügel, unterbrochen von brauner, trockener Ackerfläche und den letzten grün und gelb leuchtenden Sonnenblumenfeldern. Sie kurbelt die Scheibe hinunter, frische Spätsommerluft strömt herein und zupft an den braunen Locken. Die Lachfältchen um die Augen werden ein wenig tiefer, als sie lächelnd einen tiefen Atemzug nimmt.

Einzelne Höfe und Häuser stehen an der Straße, weit dahinter ein paar Flecken dunkelgrünen Waldes. Sie summt mit der Melodie aus dem alten Radio und dreht ein wenig lauter. Schließlich biegt sie von der Straße ab, auf einen schmalen Weg aus brüchigem Asphalt, der von einer dicken Schicht Erde bedeckt ist, geschuldet den Feldern in die er eingebettet liegt und auf dem ein Traktor gerade den Anhänger mit der letzten Fuhre ankoppelt. Sie lächelt hinüber, nimmt den Weg ein Stückchen weiter, als zur Linken ein kleines Häuschen auftaucht. Roter Backstein leuchtet warm im Licht der tief stehenden Sonne. Um das Grundstück herum ein hölzerner Gartenzaun, gestrichen in einem sanften, sehr hellen blau, so hell, dass es fast weiß ist. Hier und da hat die Farbe feine Risse. Im Garten stehen knorrige Obstbäume, voll beladen mit Äpfeln und Pflaumen. Wilde Kräuter, Blumen und hohes Gras wachsen zu ihren Füßen. Ein paar Falter und Hummeln schwirren träge darüber. Das Auto stoppt auf dem Kiesweg vor dem Haus.

Sie steigt aus, den Korb vom Beifahrersitz trägt sie über dem Unterarm. Mit einem satten Klick des Nicht-Automatikschlosses, schließt sie ihr gelbes Gefährt ab und klopft ihm noch einmal auf Dach, bevor sie in Richtung des Hauses geht. Es scheint zu seufzen und die Reifen tiefer in den heimischen Kies zu kuscheln.

Endlich zu Hause. Die Frau und ihre wilden Locken nehmen den schmalen Steinweg zur dunkelgrün lackierten Haustür. Der Schlüssel klirrt im Schloss, sie tritt ins Halbdunkel der Diele und wirft den Schal auf die kleine Holzbank unter dem Jackenhaken, vor der ein paar erdverkrustete Gummistiefel stehen. In der kleinen Küche, die ans Wohnzimmer grenzt, reißt sie die Fenster auf, um die frühe Abendluft hinein zu lassen. Sie stellt den Wasserkessel auf den Herd, nimmt sich einen Kaffeebecher und streut ein paar Löffel Instantkaffee hinein. Eigentlich trinkt sie keinen Kaffee, aber nach der Autofahrt muss das jetzt sein. Während das Wasser beginnt zu rauschen, fährt sie sich durch die Haare und lässt den Blick schweifen. Auf einem beigefarbenen Ohrensessel am Fenster liegt die Strickarbeit von heut morgen und die Teetasse mit den noch weichen Teeblättern am Tassenboden steht auf dem kleinen Tisch daneben. Die Einrichtung ist warm und gemütlich. Nicht modern, das würde nicht zu ihr passen. Das goldene Sonnenlicht fließt vom Garten durch das große Fenster, gebrochen von den Stämmen der Obstbäume und schickt sich an, hinter dem kleinen Tannenwald am äußeren Feldrand langsam zu verschwinden.

Die Regale sind mit kleinen Schätzen bestückt, die sie in ihrem Leben gesammelt hat. Fotos von Freunden und Familie nehmen die halbe Wohnzimmerwand ein. Auf dem Couchtisch liegt eine halbe Packung Kekse. In dem Moment, in dem das Wasser kocht, kommt mit leisem Maunzen eine grau getiegerte Katze aus dem Hausflur. Sie lag auf ihrem Lieblingsplatz unter dem Johannisbeerstrauch im Vorgarten, als sie das Auto hat kommen sehen.

Als die Frau sich hinunter beugt, um über das seidige Fell zu streichen, fallen ihr die Locken um die Schultern, sie streicht sie energisch hinters Ohr. „Na meine Süße, bist du froh, das ich wieder da bin? Ich auch… Ich auch!“ Sie seufzt, der Wasserkessel pfeift. Schäumend lösen sich die Kaffeekrümel im kochenden Wasser auf. Sie geht hinüber ins Wohnzimmer, schiebt die Stricknadeln und die Wolle beiseite, nimmt sich einen Keks, sinkt in den Sessel und schaut in den nun dämmrigen Garten vor ihrem Wohnzimmerfenster, in dem die Grillen langsam beginnen, sich für ihr Nachtkonzert bereit zu machen.

Sie schätzt sich glücklich, hier zu sein. In der Ruhe ihrer kleinen Insel inmitten von Wald und Feld, hinter der Allee aus Silberpappeln, am Ende des lehmverkrusteten Feldweges, hinter dem Zaun und der Kiesauffahrt auf der das knallgelbe, alte Auto nun mit noch lauwarmer Motorhaube steht. Die getiegerte Katze springt auf die Armlehne und schmiegt den Kopf an ihren Unterarm. Sie lächelt, atmet tief ein und nimmt einen Schluck vom „… Kaffee?“ 

Viele Kilometer weiter, auf der breiten Mittelspur der A7, kurz hinter Hannover, schrecke ich hoch. „Was hast du gesagt?“, frage ich Tim. „Hier kommt noch eine Raststätte. Möchtest du noch einen Kaffee, bevor wir in Hamburg sind? Da halte ich mit Sicherheit nicht an!“. Ich schüttele den Kopf. Ob zur Antwort, oder um gänzlich aus dem kleinen Haus mit Obstgarten zurückzukehren, weiß ich noch nicht. Die Autos auf der linken Spur rauschen mit 180 Sachen an uns vorbei. Die Spur rechts neben uns ist leer. Tim setzt den Blinker und fährt rüber, nimmt den Fuß vom Gaspedal und entspannt seine Arme. „Besser!“, sagt er, “Ich hasse die Mittelspur! Möchtest du nun noch Kaffee?“. Ich sehe den letzten Sonnenstrahlen draußen beim verschwinden zu. „Nein, danke!” sage ich lächelnd und drücke seine Hand, “Ich will nur nach Hause!“.

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