Mee(h)r im Herzen
Gedanken & Geschichten

Weißt du noch heute? – Gedanken und Gedenken zum 09. November

Weißt du noch damals? Als die Dunkelheit plötzlich zerriss. Als am Horizont Lichter auftauchten, die warm und hell flackerten. Wie sich die Kinder an die Scheiben die Nasen platt drückten um das Schauspiel mit großen Augen zu beobachten? Arglos und mit kindlicher Neugier. Ohne Angst und ohne Vorstellung davon, was wirklich Böses ist?

Weißt du noch damals, als das Licht zerbarst in tausend Scherben, glitzernd wie Kristall. Trügerisch schön und dabei doch nichts weiter als grausam. Mit scharfen Kanten, die Narben auf Seelen und Köpern hinterlassen sollten. Weißt du noch damals, als die warmen Flammen begannen, zu brennen und übergriffen, auf Vorhänge hinter denen bisher Schutz gefunden wurde, auf Stofftiere, die bisher Trost spendeten und Bücher, die bisher Wissen und Lachen schenkten. Auf Fleisch und Haare, auf Haut und Herzen. Als sie sich festbissen in Existenzen und sie zu Asche verbrannten?

Weißt du noch damals – vor 80 Jahren, als laut schreiend die brennend helle Nacht die dunkelste Seite menschlicher Seelen offenbarte? Weißt du noch?

Du weißt es nicht. Du nicht. Du warst nicht dabei. Was du kennst sind Erzählungen. Gruselgeschichten, die so furchtbar sind, dass du sie lieber auf den Seiten der Geschichtsbücher kleben lässt, als sie mitzunehmen. In deine Gedanken und dein Handeln. Ich deine Urteile über Andere.

Aber die Geschichten sind keine Geschichten – sondern Geschichte. Sie waren die Wirklichkeit. Sind es noch heute. Nur ihr Echo wird leiser. Verstummt langsam, während ein anderes wieder lauter wird. Eines, dass wir nie wieder hören wollten. Voller Hass und Vorurteile. Eines, das Freiheit vorgaukelt und Ausgrenzung meint. Eines, dass ein sicheres Leben verspricht, indem es Unsicherheit streut.

Weißt du noch heute, als du die Möglichkeit hast, die Geschichte davon abzuhalten, sich zu wiederholen? Weißt du noch heute, als du, ja DU die Möglichkeit hast etwas zu verändern? Weißt du noch heute, als du dich für Liebe und gegen Hass entscheiden kannst? Weißt du noch heute, als der Reichtum deines Lebens darin besteht, über deinen Tellerrand zu blicken? Weißt du noch heute, als du dafür sorgen kannst, niemals zu vergessen? Weißt du noch heute, als du in das Echo der Vergangenheit einstimmen kannst um ihm deine Stimme zu verleihen, eine Stimme, die nicht leiser wird?  Weißt du noch heute, als du das Morgen bestimmst!!!

***

Der 09.11.1938 – vor 80 Jahren, markiert einen Wendepunkt in der deutschen Geschichte. In der Nacht vom 09. auf den 10. November, während der so genannten „Reichskristallnacht“. Was sich harmlos, ja fast poetisch anhört, war eine Nacht der Gewalt und Zerstörung.

Es kam zu massiven Ausschreitungen gegen deutsche Juden im ganzen Land. An die 1000 Synagogen und Gebetshäuser wurden zerstört. Tausende von jüdischen Geschäften wurden zerstört, Familien aus ihren Häusern vertrieben, ermordet oder in den Suizid getrieben.

Die Pogromnacht veränderte die bis dahin betriebene Diskriminierung deutscher Juden hin zu einer systematischen Verfolgung. In den darauf folgenden Tagen wurden 30.000 Juden in Konzentrationslager deportiert. Eine Verfolgung, die schlussendlich im Holocaust gipfelte.

„Das wäre heute gar nicht mehr möglich!“ , „Das wird niemals wieder passieren!“. Das könnte man grenzenlosen Optimismus nennen oder aber schlicht Ignoranz. Denn es passiert. Es ist möglich.

Offensiv rechte Strömungen im Land, werden von der breiten Masse durchaus „abgelehnt“. Aber was ist mit den seichteren, sehr viel gefährlicheren? AfD, Pegida, all die „Das wird man doch noch sagen dürfen“- Anhänger. Die es schaffen unter Aussagen, die jeder von uns unterstützen würde (Stärkung der Pflege, bessere Renten…), Gedankengut zu mischen, das zu dem wird, was sich schon einmal leise in die Köpfe der Menschen schlich und im sinnlosen Tod von Millionen endete.

Die stärkste Waffe, die sie besitzen, ist unser Vergessen. Unser Schulterzucken. Unser „Das ist doch schon lange her!“ Es ist nicht lange her. Es ist heute. Und es liegt an uns, es nicht ins Morgen vordringen zu lassen. 

Indem wir immer hinterfragen, was wir an Informationen erhalten. Unseren Kopf anschalten, selber gehen und nicht blind hinterher laufen. Im 21. Jahrhundert der Toleranz und Weltoffenheit leben und nicht in einer selbstzentrierten Vergangenheit voller Vorurteile und beschränkten Weltansichten. Indem wir Menschen bleiben.

In Gedenken und gegen das Vergessen, werden jedes Jahr zu den Gedenktagen im Januar und November die so genannten „Stolpersteine“ geputzt. Ein Projekt, dass der Künstler Gunter Demnig im Jahr 1992 begann. Ihr habt sie bestimmt alle schon mal gesehen. Die messingfarbenen Täfelchen, die im Boden vieler Städte und Dörfer eingelassen sind und die Orte und Häuser markieren, in denen verfolgte und ermordete Juden lebten.

Das Projekt gilt als größtes Mahnmal der Welt. Die Täfelchen sind in 23 weiteren europäischen Ländern außer Deutschland zu finden. Im Oktober diesen Jahres verlegte Gunter Demnig in Frankfurt am Main den 70.000 Stein. 70.000 Steine für Millionen von Leben. 70.000 Steine gegen das Vergessen.

Auf die Frage, warum der Name “Stolpersteine” gewählt wurde und ob sie tatsächlich eine Stolpergefahr darstellten antwortete der Künstler: „Nein, nein, man stolpert nicht und fällt hin, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen!”

 

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