Mee(h)r im Herzen
Gedanken & Geschichten Thirty something

Won´t forget these days…

„…I close my eyes and wait
Till the wind blows round the corner
Bring back the memories to me

Won’t forget these days
And I never thought I would
Won’t forget these days…”

 

Am Fenster des Busses laufen die Regentropfen hinunter. Ich bin lange nicht mehr Bus gefahren. Es ist eine schön Abwechslung. Mit dem Auto überall hin ist so… – erwachsen, so Verpflichtungen von 8 bis 17 Uhr, so „Schatz, bringst du noch Geschirrspültaps mit, wenn du heim kommst?“.

Bus fahren, mit Kopfhörern im Ohr, aus dem Fenster schauen und Gedanken nachstarren, das hab ich wirklich sehr lange nicht mehr getan. Die Playlist springt um – Fury in the Slaughterhouse. Ich muss lächeln. „Ich werde diese Tage niemals vergessen…!“ Ja, das sagen wir uns selbst wohl recht häufig. Und ich, ich bin plötzlich wieder 16. Es war ein warmer Sommerabend in Berlin. Zum Weltkirchentag waren Menschen aus aller Welt angereist. Und ich meine wirklich aus aller Welt. Unter anderem, gab sich sogar der Dalai Lama die Ehre. Ihn habe ich nicht getroffen. Wir waren jung und wir wollten in die Hauptstadt. Also, warum die Gelegenheit nicht nutzen. Und so standen wir dann dort, nach einem Tag Shopping und dem Besuch von ein paar Alibiveranstaltungen. Die Sonne ging langsam unter und vorm Brandenburger Tor war alles voller Menschen. Eine bunte Mischung aus „Normalos“ Hippies, waschechten Berlinern, Touristen, Nonnen… – Menschen eben. Auf der Bühne vor dem Wahrzeichen Berlins, Fury in the Slaughterhouse. Wir fühlten uns unendlich frei und erwachsen. Die Sicht war schlecht, die Menge drängelte und tanzte. Und nach einiger Zeit, kletterten wir einfach auf die großen Müllcontainer, die an Rand standen. Warum auch nicht. Das hier ist Berlin, hier darf man gefühlt alles, erst Recht das, wonach einem gerade ist. Der Himmel wurde rosa, wechselte langsam zu einem goldrot und eine Brise wehte von der Spree hinüber. Dort tanze ich nun, auf einem städtischen Abfallcontainer, den Duft von  – nun ja – Müll, Menschen, Beton, dem Fluß und der Freiheit in der Nase, wie man sie nur mit 16 auf einem Abendteuer fern der Heimat spürt.

„Won´t forgeeeeeeeet these daaaays!” sing Kai in den leuchtenden Abendhimmel über Berlin und die Menge singt begeistert mit. Ich schaue hinauf in die Wolken, weiß nicht, was das Leben mir noch bringen wird und wann und bin dennoch so wunschlos glücklich. Ich schwöre mir – nein, diese Zeit, die werde ich niemals vergessen.

17 Jahre später stehe ich im Bus, der Regen läuft an den Fensterscheiben hinunter und ich muss lächeln. Denn ich habe sie vergessen. Erst heute wieder daran gedacht, als es mir gelang Berge anderer Dinge nur für einen Moment beiseite zu schieben. Einem Song, seitdem schon hundertmal gehört, zu erlauben, einen Fetzen Vergangenheit wieder einzufangen.

Won´t forget these days – ja, das sagen wir wohl recht häufig. Ich vergesse niemals diesen Sonnenuntergang, diesen Tag, diesen Moment, diesen Menschen. Und dann – pouf – sind sie verschwunden. Im Leben, in der Zeit. Verschwunden, aber nicht verloren. Und ich denke, das ist okay. Manchmal vergisst unser Kopf eben doch. Aber unsere Seele eben nie.

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