Mee(h)r im Herzen
Abenteuer

New years Walk 2019

Die Welt schläft noch. Ich würde auch gern. Die Müdigkeit liegt mir auf den Augenlidern, wie zu viel verklumpte Mascara. Aber ich habe einen Plan. Während die meisten es sich mit Kaffee und kalter Pizza vom Silvesterabend auf dem Sofa bequem machen, mache ich mich auf. Ich möchte mir den Morgen anschauen an einem Tag, den es so nur einmal im Jahr gibt. Ich fahre durch geisterhafte Straßen, im Rückspiegel gähnenden Leere. Niemand ist bei mir. Nur das leise Echo von 2018 rauscht von außen an der Scheibe, als ich vom Auto auf die S-Bahn umgestiegen bin, die mich in die Stadt trägt. Bald haben wir es abgehängt.

Südbahnhof Frankfurt. Von da zum Main, durch meine alte Nachbarschaft. Der Boden übersät mit zerschossenen Feuerwerkskörpern. Ich trete auf eine Knallerbse, die die Nacht überlebt hat. *Peng* – knallt es durch die ungewöhnliche, frühmorgendliche Stadtstille. Um einen dunklen BMW stehen zwei Polizisten und der Besitzer. Sie murmeln leise miteinander, die Stirnen zu sehr gerunzelt für einen ersten Januar. Die Heckscheibe ist zerschlagen. Glitzernd und bei Berührung fein klirrend, liegt das zerbrochene Sicherheitsglas auf dem kalten Kopfstein. Ob es den Eigentümer trösten würde wenn ich ihm sagte, dass ich das künstlerische Element dieser Szenerie sehr hübsch finde?

Ich gehe lieber weiter, mit knirschenden Schritten über verbrannte Wunderkerzen und Schwarzpulver. Vom Fluss weht ein wirklich kühler Wind herauf und als ich aus dem Schatten der Häuserreihen trete, verändert sich das Licht. Wie in Zellophan Folie gepackt, liegt die Skyline am anderen Ufer. Klar und knisternd ist die Luft, als wären die letzten flüchtigen Funken Feuerwerk noch ein wenig geblieben.

 

Heute gelten noch andere Regeln. Das merkt man an den Müllbergen, die leider überall liegen. An der Flasche Möet&Chandon neben der Buddel Asti Spumante. An der abgebrochenen, schwarz glitzernden Hacke eines Damenpumps neben dem Geländer zum Flussufer und den zwei verknoteten Krawatten, die darumgebunden sind. An dem seltsamen Stillleben auf dem städtischen Stromkasten, bestehend aus zwei Flaschen Pils, einer leeren Kartonage importierter Chinaknallfrösche und der Literpackung H-Milch, 3,5% Fett, die sich auf unpassende Art und Weise harmonisch in das Gesamtbild einfügt. An all den kleinen Seltsamkeiten, die sich in das sonst so Alltägliche mischen.

 

Aber auch an den Menschen, denen ich begegne. 90 Prozent davon Touristen. In nur einem Kilometer Mainufer, begegnet mir Koreanisch, Us-Englisch, Italienisch und ein paar Sprachen, die ich im Osten zu verorten wage, es aber nicht mit Sicherheit sagen kann. Sie begutachten das bunte Chaos, das weg geworfene, zersprengte alte Jahr, das überall herum liegt. Teilweise versuchen die deutschen Gastgeber die Szenerie, mit mehr oder weniger schwerem Akzent, zu erklären. Ich merke es an dem freundlichen Mann in der Parkranger-Jacke der mir anbietet, ein Foto von mir zu machen, als ich die Kamera ausbalanciere und den Selbstauslöser einstelle. Piep – Piep – Pieeeeeeeep „Nein, vielen Dank, aber ein Frohes neues Jahr wünsche ich Ihnen.“ An den lächelnden Gesichtern, die mir offen zunicken, als wäre das hier ein 500 Seelen Dorf. Und an dem Mann nahöstlicher Herkunft der mir, in einen langen Filzmantel und Anzughose gekleidet und mit Alditüte in der Hand freundlich zulächelt, nickt und sogar den Schirm seiner Mütze höflich zieht. Nur die Hand voll Jogger erinnert an den Rhythmus der Beständigkeit, dem wir uns alle nur zu bald wieder zuwenden werden. Streber.

Die Untermainbrücke ist gesperrt für den Autoverkehr. Selten. Ich wandere auf ihr herum. Die Museen im Rücken, Oper und Bahnhofsviertel vor der Nase. Einige Wenige streben aufs Städel Museum zu – „Im Labyrinth der Moderne”, noch bis zum 13.01.2019. Ein zeitgenössischer Scherz, wie er besser nicht sein könnte. Das neue Jahr hat gerade erst begonnen und schon setzt es wieder Deadlines.

Ich merke, wie ich es brauchte, heute hier zu sein. So völlig sinnlos. Es wäre so viel gemütlicher zu Hause, so viel mehr „Neujahr“, auf der Couch zu gammeln. Es ist windig, meine Finger sind taub vor Kälte, alles in allem ist es ungemütlich – ich liebe es. In der Luft liegt Zuversicht, frischer Mut, ein vorfreudiges Kribbeln auf das neue Jahr, Lachen von gestern Abend, der Kater von heut Morgen und ein letzter Hauch Schwefel. Ich kann mir aus den Gesichtern der Menschen und den Düften der Stadtluft genau die Stimmung pflücken, auf die ich gehofft hatte.

In der Goethestraße funkelt noch die Weihnachtsdeko in den Schaufenstern der großen Labels. State oft the Art haben Louis Vuitton und Prada wohl im Silvesterfondue ertränkt. Ein junger Russe tippt mir auf die Schulter und fragt, ob ich ein Foto von ihm an dem schwarzen Jaguar machen kann, der vor dem Schaufenster von Bulgari steht. Für seine Familie in Moskau. Nach ein paar Schnappschüssen kontrolliert er seine Posen auf dem mehrfach gesprungenen Display seines iPhones und ist zufrieden „Schone neues Jahrr fur Sie! Danke!“. Sein Akzent erinnert mich an eine kleine Anekdote zwischen meiner ältesten Freundin und mir und ich verkneife mir ein Grinsen, lächle stattdessen und wünsche ihm dasselbe.

Um die Ecke herum kommt ein Straßenreinigungsfahrzeug. Weil ich finde, dass diesen Menschen immer, aber besonders heute, unser Dank gebührt, lächle ich den Fahrer, einen dunkelhaarigen, gutaussehenden Mann in meinem Alter, an und nicke dankend. Er lacht, hupt und als er vorbeifährt, schieben die türkisfarbenen Borsten der rotierenden Besen die letzten Reste von Silvester 2018/2019 in den Bauch des kleinen Fahrzeugs. Wie viele der Vorsätze und Ideen, der Pläne und Träume der Silvesternacht ebenso schnell wieder verschwinden werden? Wer weiß das schon.

Heute zumindest, da liegen sie noch überall. In Herzen und Köpfen, fliegen durch die Luft wie aufgewirbeltes Glitzerkonfetti und setzen sich auf das Gesamtbild dieser Welt wie ein zarter Hauch von all dem, was sein könnte.

Happy New Year!

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4 Comments

  • Reply
    Viddy
    1. Januar 2019 at 20:55

    Oh Verena. Es ließt sich wie ein Roman 😍

    • Reply
      Verena Selck
      2. Januar 2019 at 21:06

      ❤️ Ach Viddy du Herz. Wie gern hätte ich nur ein paar Minuten mehr am Tag, damit ich genau den wirklich mal schreiben könnte…

      Ich Danke dir meine Liebe!
      Kuss

      Verena

  • Reply
    Nicole Rother
    2. Januar 2019 at 8:56

    Liebe Verena, ich folge Dir nun schon seit geraumer Zeit auf Instagram (oooPollyooo) und bin jedes Mal richtig glücklich Bilder von dir zu sehen und deine Texte zu lesen. Danke dafür!!!!
    Kannst du nicht mal ein Buch schreiben?
    Alles Liebe und Gute für ein glückliches 2019.
    Nicole

    • Reply
      Verena Selck
      2. Januar 2019 at 21:04

      Liebe Nicole,

      Ich freue mich wirklich wahnsinnig über deine lieben Worte. Das wiederum macht mich sehr glücklich, geht man doch in Zeiten des Algorithmus oft sehr unter.

      Es erinnert mich daran, warum genau ich das hier mache. Ich danke dir von Herzen ❤️ Hab ein fantastisches, neues Jahr.

      LG
      Verena

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